• Story

Was Liebe und Wohnen gemeinsam haben

06.05.2026 Was ist uns beim Wohnen wichtig? Welche Trends gibt es? Und wie wirken sie sich auf die Gesellschaft aus? Boris Szélpal, Professor für Architektur und Urbane Transformation erklärt, wohin die Reise geht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Urbanisierung und steigender Flächenbedarf haben in den vergangenen Jahren zu Verdichtung steigenden Preisen auf dem Schweizer Wohnungsmarkt geführt.

  • Aktuelle Trends sind Digitalisierung und Smart home, aber auch die steigende Anzahl von Singlewohnungen und die Auslagerung von Services
  • Bewusst geplante Siedlungen und auch Verzicht bieten Chancen für nachhaltigeres Wohnen und mehr Lebensqualität

Boris Szélpal, was heisst Wohnen in der Schweiz heute?

Die Schweizer*innen sind ein Volk der Mieter*innen, das heisst im internationalen Vergleich wohnen relativ wenige im Wohneigentum. In den vergangenen Jahren gab es eine verstärkte Urbanisierung. Immer mehr Menschen wohnen in Städten, gleichzeitig ist der Flächenbedarf pro Person im Vergleich zu früher gewachsen. Das führt zu Verdichtung und steigenden Preisen.

Wie wirkt sich das aus?

Bei Neubauten in Städten dominieren kleinere Wohnungen mit 2.5 und 3.5 Zimmern. Diese lassen sich leichter vermieten, der Ertrag ist höher. Dies führt dazu, dass Familien die Städte verlassen. Aber auch Regulierungen bestimmen die Art, wie wir wohnen. Die Einführung des Energiegesetztes vor über 30 Jahren führte zu Wohnblöcken mit kompakter Hülle, die tendenziell etwas monoton sind. Innen finden sich dann oft grosszügige und flexible Grundrisse.

Braucht es wirklich eine voll ausgestattete Küche, wenn nur wenig gekocht wird?

  • Boris Szélpal Professor für Architektur und Urbane Transformation

Wohin geht der Trend beim Wohnen?

Wir sehen verschiedenen Trends. Zum einen halten Digitalisierung und Smart home Einzug, etwa in Form von Messgeräten oder automatischer Steuerung von Hausgeräten. Der Trend zu kleineren Wohnungen geht weiter, auch weil mehr Leute alleine wohnen. Der Anteil von Single-Wohnungen steigt. Es gibt auch einen Trend nach der Auslagerung von Services. Dass zum Beispiel weniger selber gekocht wird und mehr Essen bestellt.

Mehr Menschen, die alleine leben – führt dies in der Gesellschaft zu mehr Einsamkeit?

Nicht unbedingt. Viele haben in der heutigen Zeit das Bedürfnis nach einer Rückzugsmöglichkeit, um sich vom Stress bei der Arbeit und in der Mobilität zu erholen. Wir sprechen da vom Cocooning. Wer alleine lebt, kann sehr wohl sozial gut eingebunden sein. Allein Wohnen und Einsamkeit sind nicht automatisch das gleiche.

Der Flächenbedarf pro Kopf ist in der Vergangenheit gestiegen. Wie wird wohnen nachhaltiger?

Es gibt verschiedene, neue Chancen für mehr Nachhaltigkeit. Zum Beispiel Siedlungen, in denen Gästezimmer für einzelne Nächste hinzugemietet werden können. Oder bei der Ausstattung: Braucht es wirklich eine voll ausgestattete Küche, wenn nur wenig gekocht wird? Vielleicht reicht ja ein einfacher Herd aus zweiter Hand?

Das ist aber auch eine Generationenfrage. Wer heute Mitte vierzig oder älter ist, ist beim Konsum oft noch auf neu getrimmt. Für jüngere sind hingegen auch z.B. gebrauchte Möbel interessant, Stichwort Vintage.

Der Traum vom Einfamilienhaus lebt noch.

  • Boris Szélpal Professor für Architektur und Urbane Transformation

Gelten diese Trends auch für den ländlichen Raum oder eher für die Stadt?

Natürlich bieten Städte bessere Voraussetzungen für die Auslagerung von Aktivitäten aus der Wohnung. Wenn das Kino oder das Gym um die Ecke ist, brauche ich eher keinen grossen Flachbildschirm oder Platz für ein eigenen Fitnessgerät. Wohnen und Arbeiten liegen oft näher beieinander.

Wir sehen neue Siedlungen, wo beides bewusst zusammen gedacht wird, auch in der Agglomeration. Die Siedlung Riverside in Zuchwil zum Beispiel ist gedacht wie eine kleine Stadt. Auch das Projekt Weberguet in Zollikofen geht in diese Richtung.

Sind diese neuen Wohnformen für alle Menschen gleichermassen geeignet?

Nicht unbedingt, es braucht schon eine gewisse Offenheit. Wie gesagt: der Mensch braucht Rückzugsmöglichkeiten. Beim Wohnen ist es wie mit der Liebe. Der Reiz liegt im Wechsel von Nähe und Distanz.

Auch beim Verzicht sind die Menschen unterschiedlich. Studien zeigen, dass eine gewisse «Emptiness», also eine entschlackte Wohnung mit weniger Gegenständen, vielen hilft sich zu erholen. Im Sinn von: Weniger Platz für Dinge, mehr Platz für Leben. Andere hingegen fühlen sich wohl, auch wenn die Wohnung überquillt.

Nun haben wir über vieles geredet, nur nicht über das Einfamilienhaus. Lebt der Traum vom Einfamilienhaus noch?

Definitiv. Zum einen besteht der Wunsch nach individuellem Wohnen, den das Einfamilienhaus verspricht. Zum anderen sind in vielen Köpfen die Wertsteigerungen von Immobilien verankert. Wohneigentum bringt Individualität und ökonomischen Vorteil zusammen. Der Traum vom Einfamilienhaus lebt also noch. Doch die Realisierbarkeit steht auf einem anderen Blatt.

Mehr erfahren