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Psychiatrische Spitex: Erste Schweizer Studie zeigt Wirksamkeit auf
02.02.2026 Eine aktuelle Studie der Berner Fachhochschule zeigt erstmals wissenschaftlich: Die psychiatrische Spitex in der Schweiz kann Hospitalisierungen reduzieren. Damit wird bestätigt, was Fachpersonen aus der Praxis seit Langem beobachten. Studienleiterin Anna Hegedüs erklärt, warum die Ergebnisse richtungsweisend sind.
Das Wichtigste in Kürze
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Eine BFH-Studie zeigt erstmals die Wirksamkeit der psychiatrischen Spitex auf.
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Dank der Spitex gibt es weniger Klinikeintritte.
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Der Effekt variiert je nach Krise und Risikogruppe.
Die psychiatrische Spitex gewinnt in der Schweiz stetig an Bedeutung. Immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen werden zu Hause begleitet statt in Kliniken behandelt. Doch ob diese Form der Versorgung wirkt, war bislang wissenschaftlich nicht belegt. «Bis jetzt fehlten verlässliche Daten, ob die psychiatrische Spitex tatsächlich dazu beiträgt, Klinikaufenthalte zu vermeiden», erklärt Anna Hegedüs, Leiterin des Forschungsprojektes an der Berner Fachhochschule. «Unsere Studie liefert nun erstmals Hinweise, dass sie wirkt.»
Reduktion der Hospitalisationen – aber nur in der Gesamtgruppe
Das Forschungsteam verknüpfte zwei nationale Routinedatensätze, die medizinische Statistik der Krankenhäuser vom Bundesamt für Statistik und das HomeCareData der Spitex Schweiz – und analysierte die Zahl der Klinikaufenthalte vor und nach Beginn der Spitex-Betreuung. Das Ergebnis: In der Gesamtgruppe zeigte sich ein Rückgang der Hospitalisierungen um bis zu 40 Prozent. Dieser Effekt deckt sich mit Erfahrungen aus der Praxis: «Psychiatrische Spitex hilft beim Aufbau einer Tagesstruktur, im Umgang mit Krisen und Krankheitssymptomen oder beim Medikamentenmanagement. Diese kontinuierliche Unterstützung wirkt stabilisierend und kann Rückfälle verhindern.»
Kein Effekt, wenn kürzlich Hospitalisierte ausgeschlossen werden
Doch das Ergebnis verändert sich, wenn man die zeitliche Nähe zu einer Krise berücksichtigt. Viele Personen treten direkt nach einer Krise oder einem Klinikaufenthalt in die psychiatrische Spitex ein – also in einem Moment besonders starker Belastung. In vielen Fällen verbessern sich Symptome auch ohne Intervention wieder – einfach, weil extreme Phasen selten lange anhalten. Um diesen Effekt zu prüfen, schloss die Studie in einer Sensitivitätsanalyse alle Personen aus, die innerhalb von 60 Tagen vor Beginn der Spitex hospitalisiert waren. Dann zeigte sich kein signifikanter Unterschied mehr in den Hospitalisationsraten. «Wir können also nicht ausschliessen, dass der beobachtete Effekt teilweise mit einer ‹natürlichen Verbesserung› erklärt werden muss», betont Hegedüs. «Einige Patient*innen würden sich auch ohne Intervention stabilisieren. Bei anderen hingegen verhindert die psychiatrische Spitex wahrscheinlich einen Rückfall.»
Ambulante psychiatriasche Pflege: Grundlagenpapier schafft Orientierung
Die Expert*innengruppe «Psychiatriespitex» hat erst kürzlich ein Grundlagenpapier veröffentlicht, das die Rolle der ambulanten psychiatrischen Pflege (APP) definiert und Handlungsbedarf identifiziert, damit APP ihre Rolle wirksam erfüllen kann. Ziel ist, eine Basis für Qualität, Anerkennung und faire Finanzierung zu schaffen. Auch soll das Grundlagenpapier helfen, Versorgungslücken zu schliessen und APP im System sichtbar machen.
Personen mit höherem Risiko für Hospitalisierung
Unabhängig vom Effekt der Spitex zeigt die Studie klar, wer besonders gefährdet bleibt: «Ein erhöhtes Risiko für Hospitalisierungen besteht vor allem bei Menschen, die bereits früher zwangseingewiesen wurden oder in den zwei Jahren vor Beginn der Spitex hospitalisiert waren.» Damit richtet sich die psychiatrische Spitex insbesondere an jene, die mehrfach gefährdet sind, und leistet einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung.
Bedeutung für die psychiatrische Versorgung
Hegedüs sieht die Resultate pragmatisch: «Die Studie zeigt, dass psychiatrische Spitex eine wichtige Funktion im Alltag von Menschen mit psychischen Erkrankungen erfüllt. Aber sie zeigt auch, wie schwierig es ist, Effekte ohne Vergleichsgruppe eindeutig zu messen.»
Drei Punkte seien zentral:
- Früher Zugang: Viele Personen erhalten Spitex erst nach einer Krise. Eine frühere Anmeldung könnte helfen, Rückfälle präventiv zu vermeiden.
- Besondere Aufmerksamkeit für Hochrisikogruppen: Personen mit kürzlichen oder mehrfachen Hospitalisationen benötigen intensivere, engmaschige Unterstützung.
- Mehr Daten – bessere Aussagen: Bisher fehlen nationale Daten zu allen Spitex-Organisationen. Eine breitere Datengrundlage würde Wirksamkeitsanalysen deutlich verbessern.
Damit die psychiatrische Spitex ihr Potenzial entfalten kann, braucht es laut Hegedüs gezielte Massnahmen. So müsse die Finanzierung gesichert und die komplexen Anforderungen müssten angepasst werden. «Es braucht eine Gleichstellung von psychisch und körperlich erkrankten Personen», sagt Hegedüs. Auch ökonomisch sei das Potenzial erheblich: In der Schweiz fliessen jährlich rund 849 Millionen Franken in stationäre psychiatrische Behandlungen. Jeder vermiedene Klinikaufenthalt entlaste somit nicht nur die Betroffenen, sondern auch das Gesundheitssystem.
Mehr Daten, mehr Wirkung
Das Forschungsteam plant bereits weitere Auswertungen: «Wir möchten näher untersuchen, welche Personengruppen besonders von der psychiatrischen Spitex profitieren können», erklärt Anna Hegedüs. Zudem möchte das Team untersuchen, welche weiteren Wirkungen die ambulante psychiatrische Pflege entfaltet – jenseits von Hospitalisationen. «Wir wollen den ganzheitlichen Nutzen dieser Pflegeform sichtbar machen», so Hegedüs abschliessend.