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Patient*innensicherheit beginnt im Team
17.03.2026 Ein neuer Fachkurs qualifiziert Gesundheitsfachpersonen zu TeamSTEPPS-Mastertrainer*innen und unterstützt sie dabei, die Methoden nachhaltig im Arbeitsalltag zu verankern. Charlotte Kinateder und Mirjam Körner erläutern im Interview, wie Teams dadurch sicherer, effizienter und zufriedener arbeiten.
Das Wichtigste in Kürze
- Patient*innensicherheit hängt wesentlich von funktionierender Teamarbeit und klarer Kommunikation ab.
- Der BFH-Fachkurs «TeamSTEPPS für eine sichere Patient*innenversorgung» vermittelt evidenzbasierte Tools, um die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen gezielt zu verbessern.
Patient*innensicherheit ist ein entscheidendes Qualitätsmerkmal in der Gesundheitsversorgung. Warum spielt die Zusammenarbeit im Team dabei eine zentrale Rolle?
Mirjam Körner: Studien zeigen, dass bis zu 70% unerwünschter Ereignisse auf Kommunikations- und Koordinationsprobleme zurückzuführen sind – und nicht auf fehlendes Fachwissen. Risiken entstehen etwa bei Übergaben beim Schichtwechsel, durch unklare Zuständigkeiten oder unzureichende Abstimmung zwischen den Professionen. Besonders an Schnittstellen gehen häufig Informationen verloren.
Menschen machen Fehler, z. B. durch Müdigkeit oder Stress. Gute Teamarbeit kann dies kompensieren: Informationen werden zusammengeführt, Risiken ausgesprochen, Entscheidungen koordiniert und Fehler als Lernchancen genutzt. Sie wirkt wie ein Sicherheitsnetz, fängt individuelle Fehler ab, macht Risiken sichtbar und verbessert Prozesse dauerhaft. Entscheidend ist auch die psychologische Sicherheit, damit Risiken rechtzeitig angesprochen werden. Teamarbeit gilt daher international als Basiskompetenz der Patient*innensicherheit und ist beispielsweise im Curriculum der WHO verankert.
Gute Teamarbeit wirkt wie ein Sicherheitsnetz.
Was macht TeamSTEPPS im Vergleich zu anderen Konzepten für die Team- und Kommunikationsentwicklung einzigartig?
Mirjam Körner: TeamSTEPPS ist nicht nur ein Training, sondern ein umfassendes Implementierungsprogramm, das Teamarbeit systematisch mit Patient*innensicherheit verbindet. Grundlage ist ein klar strukturiertes Kompetenzmodell mit vier Kernbereichen: Leadership, Situation Monitoring, Mutual Support und Communication – jeweils mit konkreten, trainierbaren Tools. Es bietet standardisierte Instrumente, Materialien und Implementierungsstrategien, die sich für unterschiedliche Gesundheitssysteme einsetzen lassen.
Hinzu kommt eine solide wissenschaftliche Evidenz mit zahlreichen Studien zur Sicherheitskultur und validierten Messinstrumenten. Zentral ist zudem der Human-Factors-Ansatz: Fehler werden nicht als individuelles Versagen verstanden, sondern als Ergebnis komplexer Bedingungen. TeamSTEPPS stärkt daher Teaminteraktionen so, dass Risiken früh erkannt und abgefangen werden.
Zu den Personen
Dr. Charlotte Kinateder ist Fachärztin mit breiter klinischer Erfahrung in der Allgemein-, Notfall- und Inneren Medizin. Neben ihrer hausärztlichen Tätigkeit arbeitet sie psychotherapeutisch mit Schwerpunkt Gestalt- und Körpertherapie und ist als Lehrtherapeutin tätig. Sie ist TeamSTEPPS Mastertrainerin und Dozentin im Fachkurs.
Prof. Dr. Mirjam Körner ist Betriebswirtin und Psychologin mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie. Als Teamcoach und Supervisorin engagiert sie sich für Personal-, Team- und Organisationsentwicklung sowie Leadership. Sie leitet das Institut für kollaborative Gesundheitsversorgung und Leadership an der BFH und ist Co-Studiengangsleiterin des MSc Healthcare Leadership. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in Leadership, Teamarbeit, Partizipation und organisationsbezogener Versorgungsforschung sowie in der Entwicklung von Interventionen zur Patient*innensicherheit. Bevor sie an die Berner Fachhochschule kam, leitete sie ein Projekt zur Entwicklung, Implementierung und Evaluation einer komplexen Intervention zur Optimierung der Patientensicherheit, welches auch Elemente aus dem TeamSTEPPS umfasste.
Welche konkreten Werkzeuge und Strategien bietet TeamSTEPPS?
Charlotte Kinateder: TeamSTEPPS bietet strukturierte Werkzeuge, um alltägliche Kommunikations- und Koordinationsprobleme im klinischen Setting zu lösen. Dazu gehören SBAR für klare Übergaben, Briefings und Debriefings zur Planung und Reflexion, Huddles für schnelle Abstimmungen sowie Strategien zur gegenseitigen Unterstützung und Fehlerprävention.
Ein Beispiel: Bei der Übergabe eines kritisch kranken Patienten in der Notaufnahme sorgt SBAR dafür, dass alle relevanten Informationen vollständig, präzise und für alle verständlich kommuniziert werden. Dadurch werden Missverständnisse, Verzögerungen und Sicherheitsrisiken deutlich reduziert.
Ein Praxisbeispiel zeigt im Gegensatz dazu, welche erheblichen Risiken fehlerhafte Kommunikation ohne TeamSTEPPS-Training birgt: In einer Praxis nehmen zwei Ärztinnen parallel Laborwerte von zwei Patienten ab, ein Schnelltest für Herzenzyme. Der Mitarbeitende im Labor legt das erste Ergebnis ohne Pat.-ID auf den Tresen. Eine Ärztin schickt daraufhin einen Patienten mit vermeintlich unauffälligen Werten nach Hause. Später muss er mit einer akuten Lungenarterienembolie hospitalisiert werden. Eine Kommunikation mit den Werkzeugen von TeamSTEPPS hätte dies verhindern können.
TeamSTEPPS bietet Werkzeuge, um alltägliche Kommunikations- und Koordinationsprobleme im klinischen Setting zu lösen.
Für wen ist der Fachkurs besonders geeignet und was ist das zentrale Ziel?
Charlotte Kinateder: Der Fachkurs richtet sich an alle Gesundheitsfachpersonen, die in interprofessionellen Teams arbeiten, insbesondere an Ärzt*innen, Pflegefachpersonen und Rettungsdienstpersonal, aber auch an Physiotherpeut*innen, Hebammen und Ernährungsberater*innen. Besonders profitieren Bereiche mit hoher Dynamik und Verantwortung wie die Allgemein-, Notfall- und Akutmedizin.
Ziel ist es, die Patient*innensicherheit durch wirksame Teamarbeit, klare Kommunikation und gemeinsame situative Aufmerksamkeit im klinischen Alltag nachhaltig zu verbessern. Die Teilnehmenden lernen, ihre Rolle im Team bewusst wahrzunehmen und auch in komplexen Situationen handlungssicher zu bleiben. Sie trainieren Instrumente wie SBAR, Huddles oder strukturierte Debriefings, die sich in den Arbeitsalltag übertragen lassen. Mit dem Abschluss erwerben sie das Zertifikat TeamSTEPPS Mastertrainer*in und können somit aktiv zur Sicherheits- und Kommunikationskultur ihrer Organisation beitragen. Dies hat positive Auswirkungen auf die Versorgungsqualität und die Arbeitszufriedenheit und kommt Patient*innen, Teams und Organisationen gleichermassen zugute.