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Dialog statt Distanz: Wie Freiwillige die Demenzfreundlichkeit stärken

29.04.2026 Eine wertschätzende, dialogische Kommunikation mit Menschen mit Demenz trägt entscheidend zu ihrer sozialen Teilhabe bei. Eine Pilotstudie aus Bern und Luzern zeigt: Freiwillige können mit eigenweltorientierter Kommunikation nicht nur die Interaktion positiv gestalten. Sie spielen als Multiplikator*innen auch eine zentrale Rolle für eine demenzfreundliche Gesellschaft.

Dialog statt Distanz: Wie Freiwillige die Demenzfreundlichkeit stärken

In der Kommunikation mit Menschen mit Demenz sind wir oft mit einem Demenzbild konfrontiert, das von Negativität, Irritation und Hilflosigkeit geprägt ist. Dass wir Menschen mit Demenz auch wertschätzend und mitmenschlich begegnen können, geht leider häufig vergessen. Die Folge davon ist soziale Ausgrenzung statt Teilhabe.

Positive Effekte eigenweltorientierter Kommunikation

In der Pilotstudie Interaktionsschulung für Freiwillige in der Betreuung von Menschen mit Demenz wurden in Bern und Luzern insgesamt 32 Freiwillige in der Begleitung von Menschen mit Demenz in eigenweltorientierter Kommunikation geschult. Dieser Interaktionsansatz zielt auf dialogische Momente, in denen sich betreuende Personen gelassen, sicher und auf Augenhöhe mit Menschen mit Demenz verständigen können. Dabei geht es darum, dem Menschen mit Demenz zu folgen, statt ihn zu führen. Statt Erwartungen aufzubauen, wird auf die Wirkung des Austauschs geachtet.

Die Auswertung von 379 Begleitsituationen zeigt deutliche positive Effekte: Je besser Freiwillige in Begleitsituationen eigenweltorientierte Kommunikation einsetzen können, umso …

… deutlicher ist dies mit achtsamer Präsenz und einem einfühlsamen Perspektivenwechsel verbunden. 
… weniger erleben sie die Situation als herausfordernd und umso weniger fühlen sie sich dadurch gestresst.
… ruhiger und kooperativer erleben sie den Menschen mit Demenz.
… häufiger und deutlicher nehmen sie bei der begleiteten Person Körpersignale wahr, die auf ein Sicherheitsgefühl, Freude und erlaubte Nähe hinweisen.
… wacher, gelassener und zufriedener erleben sie sich unmittelbar nach der Begleitsituation.

Diese Effekte motivieren sie, Menschen mit Demenz auch weiterhin zuhause, im öffentlichen Raum oder in Institutionen zu begleiten.

«Ich spüre oft Ängste und Unsicherheiten, wenn Menschen das Wort Demenz hören. Damit von Demenz Betroffene in die Gesellschaft integriert werden und möglichst lange daheim leben können, muss viel mehr passieren. Es braucht Sensibilisierung, Aufklärung und gemeinsame Anlässe. Als Freiwillige möchte ich von Demenz betroffene Menschen und ihre Angehörigen achtsam, unbeschwert und mit Freude an die Hand nehmen und Brücken bauen.»

  • Monika Schiess in eigenweltorientierter Kommunikation geschulte Freiwillige

Demenzfreundliche Gemeinde

Die Auswertung zeigt auch, welchen komplexen Herausforderungen die Freiwilligen gerecht werden möchten. Diese betreffen sowohl Interaktionen mit dem begleiteten Menschen mit Demenz als auch Interaktionen mit Angehörigen. Oft gibt es Situationen, in denen sie zwischen Angehörigen und dem Menschen mit Demenz stehen – oder zwischen ihm und professionellen Betreuungspersonen oder unbekannten Dritten. 

Viele Freiwillige sehen sich als Multiplikator*innen für die Demenzfreundlichkeit ihrer Gemeinde. Sie wünschen sich eine aufgeklärte Bevölkerung, die für ein dialogisches und mitmenschliches Zusammenleben mit Menschen mit Demenz sensibilisiert ist. Gelebte Demenzfreundlichkeit beginnt mit Angehörigenschulungen im familiären Kreis. Von dort fliesst sie weiter ins soziale Umfeld. Im erweiterten Wohnradius können auch geschulte Schlüsselpersonen im Quartier, in Geschäften, in Quartiertreffs, in Kirchen oder in Schulen zu einer Kultur der Demenzfreundlichkeit beitragen. In den professionellen Lebenswelten von Menschen mit Demenz sollte sie vorausgesetzt sein – sei es im ambulanten Bereich der Spitex, der Praxen, der Spitäler oder der Memory Kliniken, der intermediären Tagesbetreuung oder stationären Betreuungs- und Pflegeinstitutionen.
 

«Geschulte Freiwillige ermöglichen Menschen mit Demenz gesellschaftliche Teilhabe. Dies ist ein zentrales Anliegen der Stadt Luzern. Die Erkenntnisse des Pilotprojekts fliessen in künftige Massnahmen ein – so etwa in die Ausbildung von Freiwilligen für die Moderation von Erfahrungsgruppen. Die Stadt Luzern hat Leistungsvereinbarungen mit wichtigen Organisationen, die Freiwillige als Multiplikator*innen für Demenzfreundlichkeit begleiten und fördern. Zudem steht für innovative integrative Pilotprojekte ein Förderpool bereit.»

  • Dominik Fröhli Projektleiter Alter und Gesundheit, Stadt Luzern

Multiplikator*innen als Ausgangspunkt

Für das Vorhaben einer Demenzfreundlichen Gemeinde bestehen jedoch verschiedene Stolpersteine. Diese liegen …

… in fehlenden Verbindungsstellen zwischen Familie, Institutionen und öffentlichem Raum, was für Angehörige, Freiwillige und Menschen mit Demenz zu einer erschwerten kommunikativen Anschlussfähigkeit führt.
… in der aufwändigen Sensibilisierung und Schulung von Schlüssel- und Vertrauenspersonen im öffentlichen Raum.
… in der fehlenden Verbindlichkeit im Gesundheits- und Bildungsbereich – wozu es auch Strategien, Strukturen und Finanzressourcen bräuchte. 
 

«Wir vermitteln mit der Genossenschaft Zeitgut Freiwillige, die Menschen mit Demenz zuhause begleiten. Dank der Schulung in eigenweltorientierter Kommunikation begegnen sie Menschen mit Demenz auf Augenhöhe und mit mehr Gelassenheit. Gut geschulte, achtsame Freiwillige bereichern mit ihrer Haltung andere Menschen und sensibilisieren so ihr Umfeld für das Thema Demenz. Wir möchten dies auch in Zukunft fördern und sind bemüht, weitere Lernimpulse und Reflexionsräume anzubieten.»

  • Cornelia Glanzmann Koordination Freiwilligenarbeit, Genossenschaft Zeitgut Luzern

Damit Menschen mit Demenz sich in ihren Begegnungen kommunikativ verbunden und in ihrer Ganzheit gewürdigt erleben können, spielen geschulte Freiwillige eine wichtige Rolle. Denn mit den richtigen Rahmenbedingungen können sie als Multiplikator*innen in einer Gemeinde einen Welleneffekt der Demenzfreundlichkeit auslösen, der sich bis in die Gemeinschaft und die Institutionen auswirkt.

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