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Mehr junge Menschen bei der IV: Gründe und Antworten

17.06.2026 Immer mehr junge Menschen wenden sich wegen psychischer Erkrankungen an die Invalidenversicherung (IV). Im Auftrag der IV-Stelle Kanton Bern hat die BFH untersucht, was hinter diesem Anstieg steht und wie die Unterstützungsangebote ausgestaltet werden sollen. Gefragt sind Antworten, die medizinische, soziale und institutionelle Perspektiven verbinden.

Junge schwarz gekleidete Frau auf einer dunklen Parkbank

Der Übergang ins Erwachsenenleben ist anspruchsvoll. Jugendliche müssen ihren Weg von der Schule in Ausbildung und Arbeitswelt finden und sich gleichzeitig mit Erwartungen aus Familie, Gesellschaft und digitalen Öffentlichkeiten auseinandersetzen. Für junge Menschen mit psychischen Belastungen oder neuroentwicklungsbedingten Besonderheiten kann diese Phase besonders herausfordernd werden. Unterstützung ist grundsätzlich vorhanden, erreicht junge Menschen jedoch nicht immer zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. Die Angebote sind oft schwer überschaubar und gerade an Übergängen können Anschlusslösungen fehlen, Zuständigkeiten wechseln oder vertraute Unterstützungsstrukturen wegfallen.

Vor diesem Hintergrund untersuchte eine Studie der BFH im Auftrag der IV-Stelle Kanton Bern, wie sich psychische und neuroentwicklungsbedingte Erkrankungen junger Menschen entwickeln, welche Rolle Akteur*innen und Angebote an den Übergängen von Schule, Berufsbildung und Arbeitsmarkt spielen und wie Zugänge, Koordination und Begleitung praxisnah weiterentwickelt werden können.

Psychische Belastungen nehmen zu

Der Anstieg psychischer Erkrankungen lässt sich nicht mit einer einzigen Erklärung begründen. Bei Depressionen und Angststörungen gibt es deutliche Hinweise darauf, dass reale Belastungsfaktoren im Alltag junger Menschen zugenommen haben. Leistungsdruck, Einsamkeit, Mobbing, familiäre Probleme und digitale Stressoren wirken dabei zusammen. Die COVID-19-Pandemie hat diese Entwicklungen verstärkt und sichtbarer gemacht.

Anders verhält es sich bei AD(H)S und Autismus‑Spektrum‑Störungen. Hier hängen die steigenden Zahlen stark mit der veränderten Diagnostik, einer höheren Sensibilisierung und abnehmenden Stigmatisierung zusammen. Eine frühere Diagnose kann den Betroffenen Orientierung geben und den Zugang zu passender Unterstützung erleichtern. Soziale Medien spielen dabei eine doppelte Rolle: Sie können Belastungen verstärken, machen psychische Gesundheit und Neurodiversität aber auch sichtbarer – etwa bei Mädchen und junge Frauen, bei denen die Anzeichen früher eher übersehen wurde.

Unterstützung ist vorhanden – aber nicht immer erreichbar

Die Gespräche mit Fachpersonen aus dem IV-nahen Übergangssystem zwischen Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt, zeigen, dass Unterstützung grundsätzlich vorhanden ist. Jedoch erreicht sie junge Menschen mit psychischen Belastungen oder neuroentwicklungsbedingten Besonderheiten nicht immer. Die Fachpersonen berichten von immer komplexeren Problemlagen. Dabei gehen psychische Belastungen oft mit schulischen Brüchen, Absentismus, Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten sowie familiären oder sozialen Belastungen einher. Besonders kritisch sind die Übergänge in Ausbildung und in den Arbeitsmarkt, da hier Anforderungen zunehmen während vertraute Unterstützungsstrukturen wegfallen. Die Angebotslandschaft wird insgesamt als gut ausgebaut, aber schwer überschaubar beschrieben. Verteilte Zuständigkeiten, unklare Ansprechpersonen und fehlende Koordination erschweren den Zugang, sowohl für Jugendliche und ihre Familien als auch für Fachpersonen.

Entscheidend sind Zugang, Übergänge und Koordination

Für die IV ergibt sich daraus eine anspruchsvolle, aber klar umrissene Rolle. Gesellschaftliche Entwicklungen wie Leistungsdruck, Digitalisierung oder veränderte Diagnostik kann sie nicht steuern. Einfluss nehmen kann sie jedoch darauf, wie Unterstützung organisiert und zugänglich gemacht wird. Dazu gehören transparente Informationen, klare Ansprechpersonen sowie regelmässige Austauschgefässe mit Schulen, Berufsberatung, Ausbildungsbetrieben, Gesundheitsfachpersonen und Sozialdiensten. Besonders bedeutsam ist die kontinuierliche Begleitung an den Übergängen zu Ausbildung und Arbeitsmarkt.

Entscheidend ist dabei, wie die Lebenslagen junger Menschen verstanden werden. Familiäre Belastungen, schulische Brüche, fehlende Orientierung oder Unsicherheiten beim Einstieg in die Arbeitswelt prägen den Unterstützungsbedarf wesentlich mit. Hier zeigt sich das Potenzial der Sozialen Arbeit: Sie ermöglicht ein vertieftes Verständnis komplexer Lebenslagen, verbindet medizinische, bildungsbezogene und soziale Perspektiven und richtet den Blick auf biografische Übergänge, an denen Unterstützung besonders wirksam ansetzen kann.

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