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Nationales Armutsmonitoring: Armut verstehen und überwinden
03.12.2025 Trotz wirtschaftlichem Wohlstand bleibt Armut in der Schweiz ein ungelöstes Problem. Das nationale Armutsmonitoring des Bundesamts für Sozialversicherungen zeigt: Wer arm ist, erlebt Einschränkungen in vielen Lebensbereichen. Dieses Wissen kann helfen, gezielter zu handeln und Armut nachhaltig zu verhindern.
«Keine Armut», das ist das erste Nachhaltigkeitsziel der Agenda 2030, die Staaten weltweit zur sozialen und ökologischen Entwicklung verpflichtet. Auch die Schweiz hat sich diesem Ziel verschrieben. Doch die Armutsquote stagniert seit Jahren auf hohem Niveau. Um diese Herausforderung besser zu verstehen und wirksam anzugehen, liefert der Bericht zum nationalen Armutsmonitoring wichtige Grundlagen. Die BFH war an der Ausarbeitung des Monitorings mit diversen begleitenden Studien beteiligt. Der Bericht zeigt den aktuellen Wissensstand und die Aktivitäten von Bund, Kantonen und Zivilgesellschaft auf. Zentral ist das zugrunde liegende Armutsverständnis: Armut wird als mehrdimensionales Phänomen mit einem finanziellen Kern beschrieben. Gemäss diesem Verständnis ist Armut eng mit sechs Lebensbereichen verknüpft:
- Bildung
- Gesundheit
- Wohnen
- Soziale Beziehungen
- politische Teilhabe
- Erwerbsarbeit
In diesen Bereichen sind Armutsbetroffene im Vergleich zur Gesamtbevölkerung benachteiligt. Zugleich markieren sie zentrale politische Handlungsfelder für die Prävention und Überwindung von Armut.
Mehrdimensionale Armut unter der Lupe
Um die Situation einkommensarmer Personen in den erwähnten Lebensbereichen einschätzen zu können, wertete die BFH Befragungsdaten des Bundesamtes für Statistik zu den Einkommen und Lebensbedingungen der Schweizer Bevölkerung aus. Dabei verglich sie die Angaben von einkommensarmen Personen mit den Antworten der restlichen Personen. Als einkommensarm gilt eine Person dann, wenn das Gesamteinkommen ihres Haushalts unter dem Existenzminimum liegt – Vermögen werden hier nicht berücksichtigt. Um den Einfluss von Armut möglichst isoliert zu messen, wurden kontrollierte Vergleiche vorgenommen. Dadurch kann geprüft werden, ob Unterschiede zwischen armen und nicht armen Personen auch dann bestehen bleiben, wenn andere Faktoren wie Alter, Bildung, Haushaltsstruktur oder Erwerbstätigkeit berücksichtigt werden.
In den oben dargestellten Spidercharts sind Häufigkeitswerte einzelner Indikatoren für die verschiedene Lebensbereiche dargestellt. Sie vergleichen dabei den Anteil Personen mit einem Haushaltseinkommen unter der SKOS-Armutsgrenze und allen weiteren Personen, für die der genannte Indikator zutrifft.
Armut ist mit verschiedenen Entbehrungen verbunden
In allen untersuchten Lebensbereichen zeigen sich statistisch signifikante Unterschiede zwischen einkommensarmen und nicht einkommensarmen Personen.
- Bildung: Arme Personen verfügen häufiger nur über eine obligatorische Ausbildung und nutzen seltener ausserschulische Betreuungsangebote.
- Gesundheit: Arme Personen schätzen ihren Gesundheitszustand öfter als schlecht oder mittel ein, leiden häufiger unter dauerhaften Einschränkungen und verzichteten häufiger auf eine benötigte zahnmedizinische Behandlung.
- Wohnen: Arme Personen sind durch die Wohnkosten stärker belastet und häufiger von einer überbelegten oder dunklen Wohnung betroffen.
- Soziale Beziehungen: Arme Personen sind seltener in Vereinen aktiv, erhalten weniger moralische, materielle oder finanzielle Unterstützung aus dem nahen Umfeld und verzichten häufiger aus finanziellen Gründen auf Freizeitaktivitäten.
- Politische Teilhabe: Arme Personen haben ein geringeres Vertrauen in Politik und Justiz, weniger Interesse an Politik und nehmen seltener an Abstimmungen teil.
- Erwerbsarbeit: Arme Personen sind schlechter an den Arbeitsmarkt angebunden und in ihren Haushalten lebt seltener jemand, der erwerbstätig ist.
Einige Unterschiede bleiben auch mit kontrollierten Vergleichen bestehen. Das deutet darauf hin, dass sie unmittelbar auf unzureichende finanzielle Ressourcen zurückgehen. Finanzielle Unterstützung in diesen Bereichen dürfte die Folgen von Armut daher direkt abmildern. Dazu zählen Kosten für den Zahnarzt, Wohnkosten, externe Kinderbetreuung und Freizeitaktivitäten.
Von der Analyse zum Handeln
Die Ergebnisse machen deutlich: Armut ist in der Schweiz nicht nur eine Frage des Einkommens, sondern betrifft das Leben in seiner ganzen Breite. Das mehrdimensionale Armutsmodell bietet somit nicht nur ein Instrument zur Beschreibung von Armut, sondern auch zur gezielten Planung und Steuerung von Massnahmen zur deren Bekämpfung. Ein Beispiel wie dies erreicht werden kann, liefert der Kanton Basel-Landschaft, der auf dieser Grundlage eine umfassende Armutsstrategie mit konkreten Handlungsfeldern entwickelt hat. Für die laufende Überprüfung und Weiterentwicklung solcher Strategien eignet sich das kantonale Armutsmonitoring-Modell von BFH und Caritas, das auf die Verbindung von empirischem Wissen und sozialpolitischem Handeln abzielt.
Nationales Armutsmonitoring
Der erste Bericht des nationalen Armutsmonitoring wurde am 26. November 2025 vom Bundesamt für Sozialversicherung veröffentlicht. Das Monitoring stellt Bund, Kantonen und Gemeinden Steuerungswissen zur Verfügung, um Armut in der Schweiz wirksam zu verhindern und zu bekämpfen.
Die BFH war an der Ausarbeitung des Monitorings mit diversen begleitenden Studien beteiligt. Diese Studien werden auf knoten & maschen in einer Mini-Reihe vorgestellt:
– Armut verstehen und Armut überwinden (3. Dezember 2025)
– Unterbeschäftigung, Armut und Care-Arbeit (28. Januar 2026)
– Wer verzichtet? Hemmungen beim Sozialhilfebezug (4. März 2026)
Kontakt:
Artikel und Berichte:
- Hümbelin, O.; Kessler, D. & Vogel N. (2025): Armut in unterschiedlichen Lebenslagen in der Schweiz – Multivariate Analysen zu den Indikatoren des Nationalen Armutsmonitorings; Berner Fachhochschule; Bern
- Hümbelin, O., Fluder, R., Richard, T., & Hobi, L. C. (2022). Armutsmonitoring im Kanton Basel-Landschaft: Bericht zuhanden des kantonalen Sozialamtes Basel-Landschaft. Berner Fachhochschule; Bern
- Fluder, R., Hümbelin, O., Luchsinger, L., & Richard, T. (2020). Ein Armutsmonitoring für die Schweiz: Modellvorhaben am Beispiel des Kantons Bern. Berner Fachhochschule BFH; Bern.
Partner und Projekte:
- Bundesamt für Sozialversicherungen: Nationales Armutsmonitoring
- Armutsmonitoring Schweiz: Statistische Armutsanalysen mit SILC-Daten
- Armutsmonitoring CARITAS
Literatur und weiterführende Links:
- Basel-Landschaft, Finanz- und Kirchendirektion (2022): Strategie zur Verhinderung und Bekämpfung von Armut im Kanton Basel-Landschaft, Schlussbericht zu den Prüfaufträgen und Bilanz zum Stand der Umsetzung
- Bundesamt für Statistik (2025): Armut – Informationen zur Armut in der Schweiz anhand des sozialen Existenzminimums. Analysen der zeitlichen Entwicklung und nach Bevölkerungsgruppen; Neuchâtel
- Schweizerische Eidgenossenschaft (2020): Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung – SDG 1: Keine Armut; Bern