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Peer-Arbeit im Armutskontext: Anspruch, Herausforderungen und Möglichkeiten
07.07.2026 Peer-Arbeit gilt als vielversprechender Ansatz in der Armutsbekämpfung. Doch welche Rolle können armutsbetroffene Peers in der Sozialen Arbeit tatsächlich einnehmen – und welche Machtverhältnisse, Erwartungen und Spannungsfelder prägen ihre Zusammenarbeit mit Fachkräften, Organisationen und Bildungsinstitutionen?
Im Rahmen meiner Gastdozentur an der BFH konnte ich insbesondere Einblick in das Projekt Peer-Arbeit für armutsbetroffene Personen erhalten, das mit armutsbetroffenen Peers zusammenarbeitet und nach der Wirkung von Peer-Arbeit auf den Zugang zu Unterstützung fragt. Die Umsetzung wird in drei Städten erprobt und evaluiert werden. In der Auseinandersetzung mit dem Ansatz treiben mich grundsätzliche Fragen zum Platz der Peerarbeit in einer gegebenenfalls paternalistischen Sozialen Arbeit um, die ich im Folgenden kurz skizziere.
Warum Peer-Arbeit im Kontext von Armut und was kann sie sein?
Peerarbeit ist ein demokratisierender Ansatz, der Betroffene, ihr Wissen und ihre Stellung im Machtgefüge der Sozialen Arbeit stärken möchte. Eines von vielfältigen Spannungsfeldern liegt dabei darin, dass mit der Peerarbeit ein Puzzlestück ins Gesamtgefüge der Sozialen Arbeit eingefügt werden soll, ohne dass dieses Gesamtgefüge verändert wird. Welcher Platz ist im gesetzten Rahmen und in der Logik der Arbeit für Armutsbetroffene frei? Soll aus-schließlich die «Leerstelle» besetzt werden, an der sich die Ansätze der Sozialen Arbeit schwertun, einen Zugang zu armutsbetroffenen Menschen zu finden und Betroffene Soziale Arbeit umgehen oder Hilfeleistungen nicht kennen? Sind Peers in der Peerarbeit «Handlanger*innen», «Übersetzer*innen» oder «Brückenbauende», die Wege und Logiken erklären hin zu Rechten und Leistungen einer ansonsten unveränderten Sozialen Arbeit und einem un-veränderten Sozialleistungssystem?
Claudia Daigler...
Claudia Daigler ist Professorin für Integrationshilfen und Übergänge an der Hochschule Esslingen in Deutschland und arbeitet zu wohnungslosen Familien und jungen Menschen, Erwerbslosigkeit, Erziehungshilfen, Verdeckung prekärer Lebenslagen sowie Beschämung durch Soziale Arbeit.
Im Rahmen eines Forschungssemesters war sie von März bis Juli 2026 Gastdozentin an der BFH und insbesondere ins SNF-Projekt Peer-Arbeit für armutsbetroffene Personen involviert. In diesem Zeitraum standen im Forschungsprojekt die Entwicklung und Durchführung der Fachkurse für Peers und die Ausformulierung des Rahmenkonzeptes im Zentrum.
Was sind Argumente und Vorstellungen der Institutionen, Peer-Arbeit umzusetzen?
Die Organisationen, die sich an diesem Pilot beteiligen sind heterogen und beteiligen sich auch finanziell unterschiedlich an der Weiterbildung. Die Ansprechpartner*innen der Hochschule sind meist die Fachkräfte, die mit den Peers zusammenarbeiten und selten Leitungspersonen. Deshalb ist bislang eher wenig darüber bekannt, was die Organisationen von der Peerarbeit erwarten und wie sie konzeptionell in die Soziale Arbeit der Organisation eingefügt ist. In diesem Zusammenhang stellen sich Fragen, ob in der Organisation ein fachliches Konzept existiert, in dem das Verhältnis zwischen Fachkraft und Peer bestimmt wird. Welches Verständnis von Sozialer Arbeit und Expert*innenschaft in eigener Sache liegt diesem Konzept zu Grunde? Welchen Austausch, Diskurs gibt es dazu in der Organisation? Wie formulieren Leitungskräfte ihre Gründe und Motivation, Peerarbeit umzusetzen? Wo positioniert sich die Organisation dadurch in der Bandbreite zwischen der «Revolutionierung der Sozialen Arbeit» – wie dies eine Peer im Projekt ausgedrückt hat – und einer günstigen Lösung für den aktuellen Fachkräftemangel? Und nicht zuletzt: Nach welchen Kriterien wählt die Organisation ihr bekannte Personen als Peer aus und wie fragt sie diese an?
Motivation der Peers: Was versprechen sich Peers davon?
Die Motivationen, weshalb (ehemals) armutsbetroffene Menschen sich bereit erklären, Peer werden, sind höchst heterogen – wie auch die Art ihrer Armutsbetroffenheit. Die jeweilige Motivation ist eng mit den eigenen Lebenserfahrungen, der aktuellen Lebenssituation und dem eigenen (sozial-)politischen Selbstverständnis verbunden. Es ist davon auszugehen, dass die Art und Weise, wie Peers ihre Arbeit gestalten und umsetzen, stark durch ihre Motivation geprägt ist. Oder anders formuliert: was Peers als unterstützend und hilfreich anschauen, ist immer auch biografisch von den eigenen Lebenserfahrungen eingefärbt.
Fachkurse: Was sollen Peers wie und von wem lernen?
Die Belegung eines Fachkurses der BFH und der Erwerb eines Zertifikates sind Voraussetzungen für den Einsatz als Peer in sozialen Institutionen. Der Fachkurs stellt ein Format der Weiterbildung von armutserfahrenen Expert*innen in eigener Sache dar. Sie sind ein Pilot, in dem sich Wissenschaftler*innen und Peers begegnen und insbesondere Peers «etwas lernen» sollen, damit sie «gute» Peer-Arbeit machen werden. Eine solche Rahmung beinhaltet wiederum Machtverhältnisse. So hat das Forschungsteam die Definitionsmacht darüber, was gelernt werden soll, was «gute» Peerarbeit ist und wer darin welche Rolle einnimmt. Darin liegt u.a. die Gefahr, sich letztendlich doch in paternalistischer Sprache und Haltung zu begegnen.
Wenn im Rahmen des Projektes Wirkungen des Peer-Ansatzes herausgearbeitet werden sollen, ist dies eine sehr anspruchsvolle Zielsetzung. Die Antworten werden von dem Horizont der Fragestellung(en) abhängig sein. Einige neue Aspekte konnte ich vielleicht beitragen. Ich freue mich auf die Ergebnisse – und auch darüber, dass die BFH verstärkt Peers in die Lehre einbeziehen will. Für die Einblicke und die Gastfreundschaft bedanke ich mich herzlich.
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Artikel und Berichte:
- Chiapparini, Emanuela, Bitsch, Kevin, Daigler, Claudia, Moser, Patrizia, & Turuani, Deborah (2026): Peer-Arbeit von und für armutsbetroffene und -gefährdete Personen. Rahmenkonzept. Berner Fachhochschule BFH.
- Daigler, Claudia (2022): Gut begleitet durch das Labyrinth der Strukturen und Para-grafen. Was erleben geflüchtete Männer und Frauen bei der beruflichen Integration als hilfreich? In: neue Caritas, 123, (4), S. 19-21.
- Daigler, Claudia (2018): AdressatInnenorientierung - Chancen und Herausforderungen einer vernachlässigten Perspektive. In: SozialAktuell, Doppelausgabe Ju-li/August, S. 14-16.