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Unterbeschäftigung, Armut und Care-Arbeit

28.01.2026 Wer weniger arbeitet als eigentlich gewollt, gilt als unterbeschäftigt. Das Phänomen der Unterbeschäftigung ist noch kaum erforscht. Eine Analyse der BFH im Rahmen des nationalen Armutsmonitorings zeigt nun aber, dass Frauen mit Kindern besonders häufig von Unterbeschäftigung – und damit von einem erhöhten Armutsrisiko – betroffen sind.

Prekäre Beschäftigung

Die Ursachen und Formen von Armut sind vielfältig. Dabei geht es nicht nur um fehlendes Einkommen. Um Armut zu überwinden, braucht es ein Verständnis darüber, wie verschiedene Lebensbereiche zusammenspielen. Die existenzsichernde Erwerbsarbeit spielt jedoch eine entscheidende Rolle. Sie ermöglicht es, lebensnotwendige Ausgaben zu decken, und bildet langfristig die Grundlage einer sicheren Altersvorsorge. Die Forschung zur atypisch-prekären Beschäftigung liefert hier wichtige Anhaltspunkte zur Bekämpfung von Armut. Sie betrachtet Erwerbsformen, die von stabilen und klar geregelten Arbeitsverhältnissen abweichen und häufig mit sehr tiefer Entlohnung verbunden sind. Im Rahmen des nationalen Armutsmonitorings untersuchte die BFH im Auftrag des Bundesamt für Sozialversicherungen BSV die Verbreitung verschiedener Formen atypisch-prekärer Beschäftigung. Dabei betrachtete sie auch die Unterbeschäftigung, die bisher wenig Aufmerksamkeit erhielt.

Ursachen der Unterbeschäftigung

Es existieren mehrere Definitionen von Unterbeschäftigung, die verschiedene mangelhafte Beschäftigungsbedingungen adressieren: Überqualifikation, Unterforderung oder unzureichende Entlohnung der geleisteten Arbeit. Mit Blick auf das Arbeitspensum spricht man von Unterbeschäftigung, wenn in Teilzeit erwerbstätige Personen ihr gewünschtes Arbeitspensum nicht erreichen können. Diese Form der Unterbeschäftigung ist dann besonders gravierend, wenn die Entlohnung sehr tief ausfällt. Die Betroffenen sind dann zwar erwerbstätig, tragen aber ein unmittelbares Risiko von Erwerbsarmut, das in der Arbeitslosenstatistik jedoch nicht sichtbar ist.

Arbeitszeitbezogene Unterbeschäftigung kann aus unterschiedlichen Gründen entstehen. Häufig spielen konjunkturelle Faktoren eine Rolle, etwa ein Mangel an Vollzeitstellen während wirtschaftlichen Krisen. Sie ist bei jüngeren Menschen am häufigsten verbreitet, insbesondere beim Übertritt vom Bildungssystem in den Arbeitsmarkt. Institutionelle Rahmenbedingungen können das Problem verschärfen: wenn sich z.B. Arbeitszeitregelungen nicht mit Care-Arbeit vereinbaren lassen. Aufgrund der weiterhin bestehenden, ungleichen Verteilung von Care-Arbeit sind insbesondere Frauen von arbeitszeitbezogener Unterbeschäftigung betroffen, vor allem in Lebensphasen mit hoher Care-Verantwortung, wie etwa nach der Geburt von Kindern.

Wie empirische Studien zeigen, ist es nach einer Lebensphase mit Care-Verpflichtungen häufig schwierig das gewünschte Arbeitspensum wieder zu erlangen, was zu Episoden von Unterbeschäftigung führen kann. Dies hat langfristige Folgen, weil Sozialversicherungsbeiträge fehlen und sich die Ansprüche der Altersvorsorge verringern. In Paarbeziehungen kann dies Abhängigkeiten verstärken und im Fall einer Trennung oder Scheidung zu einem Armutsrisiko werden.

Unterbeschäftigung betrifft Frauen stärker

Um die Verbreitung arbeitszeitbezogener Unterbeschäftigung in der Schweiz zu untersuchen und geschlechtsspezifische Unterschiede herauszuarbeiten, nutzen wir Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE). Gemäss unseren Schätzungen sind rund 250’000 Erwerbstätige in der Schweiz unterbeschäftigt. Davon sind 19’000 sehr tief entlohnt und gelten daher als atypisch-prekär beschäftigt.

Dabei zeigen sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Der Anteil unterbeschäftigter Männer bleibt mit rund 3 Prozent insgesamt niedrig – unabhängig davon, ob ein Kind im Haushalt lebt oder nicht. Dagegen weisen Frauen eine deutlich höhere Unterbeschäftigungsquote auf: rund 8 Prozent der erwerbstätigen Frauen sind unterbeschäftigt. Besonders ausgeprägt ist dies bei Frauen in einem Haushalt mit Kindern, hier liegt der Anteil mit über 10 Prozent deutlich über jenem von Frauen ohne Kind im Haushalt (rund 5,5 Prozent).

Bessere Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit nötig

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die arbeitszeitbezogene Unterbeschäftigung in der Schweiz verbreitet und stark geschlechtsspezifisch ausgeprägt ist, was eng mit der Aufteilung der Care-Arbeit innerhalb der Familie zusammenhängt. Ein Eckpfeiler einer präventiven Armutspolitik müsste sich somit auf Massnahmen abstützen, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern und bestehende Geschlechterungleichheiten reduzieren.

Nationales Armutsmonitoring

Der erste Bericht des nationalen Armutsmonitoring wurde am 26. November 2025 vom Bundesamt für Sozialversicherung veröffentlicht. Das Monitoring stellt Bund, Kantonen und Gemeinden Steuerungswissen zur Verfügung, um Armut in der Schweiz wirksam zu verhindern und zu bekämpfen.

Die BFH war an der Ausarbeitung des Monitorings mit diversen begleitenden Studien beteiligt. Diese Studien werden auf knoten & maschen in einer Mini-Reihe vorgestellt:
– Armut verstehen und Armut überwinden (3. Dezember 2025)
– Unterbeschäftigung, Armut und Care-Arbeit (28. Januar 2026)
– Wer verzichtet? Hemmungen beim Sozialhilfebezug (4. März 2026)

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