- Story
«Ethik zeigt sich dort, wo notwendige Entscheidungen schwerfallen»
23.02.2026 Professionsethische Kompetenz entsteht im Dialog: Simone Münger, Praxisausbildnerin und KESB-Behördenmitglied in Biel/Bienne, berichtet, wie Studierende durch interdisziplinäre Fallbesprechungen, Reflexion und kritisches Hinterfragen lernen, ethisch fundierte Entscheidungen zu treffen – und dabei auch die Praxis bereichern.
Das Wichtigste in Kürze
-
Ethische Entscheidungen entstehen im Dialog: Bei der KESB sind interdisziplinäre Fallbesprechungen zentral, um schwierige Entscheidungen verantwortungsvoll und reflektiert zu treffen.
-
Professionsethik als Schlüsselkompetenz: Studierende lernen im Praxisalltag, Normen und Werte kritisch zu hinterfragen – und bringen gleichzeitig wertvolle Impulse in die Behörde ein.
-
Komplexe Fälle als Lernfeld: Ob fürsorgerische Unterbringung oder Fremdplatzierung – herausfordernde Situationen zeigen, wie wichtig ethische Abwägungen, Selbstreflexion und gemeinsames Entscheiden sind.
Wer den Bachelor in Sozialer Arbeit absolviert, ist nach Abschluss des Studiums in zwölf professionellen Handlungskompetenzen fit – eine davon ist die professionsethische Kompetenz: Wer den Bachelor absolviert, kann institutionelle, professionale und gesellschaftliche Normen und Werte identifizieren und darüber reflektieren.
Simone Münger zeigt, welche Bedeutung diese Kompetenz in ihrem Arbeitsalltag bei der KESB hat und wie sie diese im Rahmen der Praxisausbildung thematisiert.
Die KESB hat den gesetzlichen Auftrag, den Schutz gefährdeter Kinder und Erwachsener sicherzustellen. Welches sind die Hauptaufgaben Sozialarbeitender?
Simone Münger: Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Grundsätzlich klären wir Situationen ab, treffen Entscheidungen und können Schutzmassnahmen anordnen. Ich selbst arbeite als Behördenmitglied bei der KESB. Die Studierenden der Sozialen Arbeit sind, wie auch die anderen Praktizierenden, dem Sozialjuristischen Dienst (SJD) angegliedert.
Sowohl in der Behörde als auch beim SJD arbeiten Sozialarbeitende und Personen mit juristischem Hintergrund. Alle haben den gleichen Auftrag: Wir führen Anhörungen aufgrund von Gefährdungsmeldungen durch und protokollieren diese. Auch die Fallführung, die Abfassung von Abklärungsaufträgen und Entscheidungen gehören zu unseren Aufgaben. Es ist interessant, dass unterschiedliche Berufsgruppen die gleichen Aufgaben übernehmen. Bei der Arbeit merkt man teilweise kleine Unterschiede in der Ausführung. Während bei Sozialarbeitenden eher der systemische Blick und das methodische Vorgehen im Vordergrund stehen, fokussiert sich eine Person mit einem juristischen Hintergrund mehr auf das prozedurale Vorgehen, damit rechtlich alles korrekt abgehandelt wird.
Den Abschlusskompetenzen auf der Spur
Wer den Bachelor in Sozialer Arbeit absolviert, ist nach Abschluss des Studiums in zwölf professionellen Handlungskompetenzen fit (Kompetenzprofil). In verschiedenen Beiträgen gehen wir den Fragen nach, was unter diesen Kompetenzen zu verstehen ist, wie sich das «Kompetent-sein» in den verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit zeigt und wie es durch die enge Verzahnung von Hochschulsemestern und Praxisausbildung gelingt, den Kompetenzerwerb zu unterstützen.
Im Fokus dieses Beitrags steht die Professionsethische Kompetenz: Wer den Bachelor absolviert, kann institutionelle, professionale und gesellschaftliche Normen und Werte identifizieren und darüber reflektieren.
Welche Bedeutung hat die professionsethische Kompetenz einer Fachperson der Sozialen Arbeit auf der KESB?
Sie ist sicher eine wichtige Kompetenz in unserem beruflichen Alltag. Dies hat damit zu tun, dass schwierige Entscheidungen für Personen getroffen werden müssen, die zum Teil schwerwiegende Eingriffe in das persönliche Leben darstellen. Es ist immer wichtig, sich zu hinterfragen, ob die geplanten Massnahmen in diesem konkreten Fall angemessen oder zu weitreichend sind oder ob zusätzliche Massnahmen ergriffen werden müssen. Das bedeutet manchmal auch, einen Schritt zurückzugehen und den gesamten Fall aus der Vogelperspektive zu betrachten.
In diesem Zusammenhang sind für mich die Behördensitzungen von essenzieller Bedeutung. Dort werden herausfordernde Fälle, bei denen man unsicher ist, gemeinsam besprochen. Dieser interdisziplinäre Austausch ist extrem wichtig, um ethisch fundierte Entscheidungen zu treffen. Er bietet die Möglichkeit, miteinander zu diskutieren, gemeinsam Lösungswege durchzudenken und verschiedene Perspektiven und Haltungen zu berücksichtigen. Dadurch kommt man meiner Meinung nach zu besseren und tragfähigeren Entscheidungen.
Auch im Kindesschutz kommen ethisch herausfordernde Fragestellungen auf, insbesondere wenn das Thema Fremdplatzierung im Raum steht.
Sie erwähnen herausfordernde Fälle. Welche davon empfinden Sie aus professionsethischer Perspektive am schwierigsten?
Im Bereich des Erwachsenenschutzes betrifft dies oftmals Entscheidungen rund um das Thema der fürsorgerischen Unterbringung (FU). Eine FU ist eine Massnahme des Zivilrechts und kommt einem Freiheitsentzug gleich. Sie erlaubt es, eine Person gegen ihren Willen in eine geeignete Einrichtung einzuweisen. Gerade im Erwachsenenschutz wird dem Selbstbestimmungsrecht jedoch ein hoher Stellenwert beigemessen, was im Zusammenhang mit einer FU ein grosses Spannungsfeld eröffnet.
Es muss immer abgewogen werden, inwiefern ein vielleicht unkonventionell erscheinendes Leben als Ausleben des Selbstbestimmungsrechts gewertet werden kann und wo die Grenze zur Selbstgefährdung verläuft. Gerade bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind das komplexe Entscheidungen, bei denen beurteilt werden muss, inwiefern beispielsweise die Urteilsfähigkeit der betroffenen Person noch vorhanden ist.
Auch im Kindesschutz kommen ethisch herausfordernde Fragestellungen auf, insbesondere wenn das Thema Fremdplatzierung im Raum steht. Grundsätzlich sollen Kinder, wenn immer möglich, in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen, weshalb wir bestrebt sind, mit den Erziehungsberechtigten zusammenzuarbeiten, um gemeinsame Lösungen zu finden. Letztlich sind wir als Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde jedoch dem Kindeswohl verpflichtet und müssen im Extremfall die Entscheidung treffen, ein Kind fremdzuplatzieren.
Sie sind nicht nur Behördenmitglied bei der KESB in Biel, sondern begleiten auch Studierende der Sozialen Arbeit als Praxisausbildnerin. Wie thematisieren und vermitteln Sie die professionsethische Kompetenz in der Ausbildung der angehenden Sozialarbeitenden?
Das Wichtigste ist, dass man im Gespräch ist und sich über konkrete Fälle austauschen kann. Aktuell führe ich gemeinsam mit Corinne Stuber einen sehr komplexen Fall im Bereich des Kindesschutzes, bei dem eine Fremdplatzierung im Raum steht. Wir tauschen uns regelmässig aus, bringen uns auf den neuesten Stand und diskutieren die Handlungsmöglichkeiten. In diesem Rahmen können wir auch Haltungsfragen sowie gesellschaftliche und institutionelle Normen und Wertvorstellungen reflektieren.
Leider ist es im Arbeitsalltag aus zeitlichen Gründen nicht immer möglich, die ethischen Aspekte theoriegeleitet im Detail zu analysieren. Daher ist es auch für mich als Fachperson eine Bereicherung, wenn sich Studierende bewusst mit der professionsethischen Kompetenz auseinandersetzen. So können wir uns mit ethischen Entscheidungsfindungsmodellen oder den professionsethischen Standards, beispielsweise dem Berufskodex von Avenir Social, vertiefter auseinandersetzen. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass nicht nur die Studierenden von uns lernen, sondern dass auch wir von der KESB durch den Input der Studierenden Impulse erhalten.
Mir ist es zudem wichtig, dass die Studierenden die Arbeitsweisen der Praxis kritisch einordnen und mit dem, was sie in der Theorie gelernt haben, abgleichen und reflektieren können.
Praktikum auf der KESB Biel / Bienne
Corinne Stuber befindet sich im achten Semester ihres Bachelor-Studiums. Sie hat im August 2025 ihr einjähriges Praxismodul beim Sozialjuristischen Dienst der KESB Biel/Bienne begonnen. Sie hat sich für ein Praxismodul bei der KESB entschieden, da sie es interessant findet, sich mit komplexen Fällen auseinanderzusetzen.
Im Rahmen ihrer Kompetenzarbeit wird sie sich mit der professionsethischen Kompetenz auseinandersetzen. Dafür möchte sie sich unter anderem mit dem Berufskodex der Sozialen Arbeit von Avenir Social beschäftigen und wird im Rahmen der Ausbildungssupervision einen Fall einbringen, der ethische Spannungsfelder thematisiert.
Ich wusste vorher wenig über die konkrete Arbeitsweise bei der KESB, war aber positiv überrascht, wie systemisch und interdisziplinär gearbeitet wird. Besonders beeindruckt hat mich der Austausch zwischen den verschiedenen Fachpersonen mit je unterschiedlichen Perspektiven. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, was auf mich sehr sozialarbeiterisch wirkt.
Welche Voraussetzungen sollten Studierende mitbringen, die ein Praktikum bei der KESB machen möchten?
Simone Münger: Es ist wichtig zu wissen, dass das Praktikum im rechtlichen Kontext stattfindet und wir hauptsächlich rechtliche Verfahren abhandeln. Natürlich haben wir methodisch gewisse Freiheiten, wir bewegen uns aber dennoch in einem rechtlichen Verfahren, in dem gewisse Grundsätze gelten. Insofern ist eine gewisse Identifikation mit dem rechtlichen Kontext von Vorteil.
Man sollte sich auch bewusst sein, dass wir eher weniger die Gesprächssituation üben. Viele Arbeiten im SJD sind administrativer Natur, wie die Protokollierung von Sitzungen oder die Abfassung von Entscheiden. Dafür ist ein gewisses administratives Flair erforderlich.
Als weitere wichtige Voraussetzung erscheint mir, dass man sich nicht davor scheuen darf, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Das ist vielleicht ein Unterschied zu vielen anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, in denen man eher anwaltschaftlich arbeitet.
Schliesslich sollte man grundsätzlich gerne mit Menschen arbeiten. Es ist wichtig, davon überzeugt zu sein, letztlich im Interesse der betroffenen Personen zu handeln. Dies gilt auch, wenn man an einem Ort arbeitet, an dem die Entscheidungen nicht immer auf Zustimmung stossen. Man sollte das Beste für die Betroffenen erreichen wollen, auch wenn die eigene Vorstellung davon nicht immer mit der Vorstellung der Betroffenen übereinstimmt. Das kann herausfordernd sein, womit wir wieder bei den ethischen Fragen angelangt sind. Deshalb ist auch ein Interesse an berufsethischen Fragen und Entscheidungsprozessen relevant.
Gerade im interdisziplinären Austausch beginnt für mich die ethische Auseinandersetzung, denn dort treffen unterschiedliche Menschenbilder aufeinander. Hier ist ein Dialog nötig, um gemeinsam verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.