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Queer im Altersheim. Ein Zuhause, in dem ich ganz ich selbst sein darf?
01.10.2026 Wie sichtbar ist Vielfalt in der stationären Langzeitpflege? Wie offen geht diese mit queeren Personen um, und wo bestehen noch Tabus? Wir haben Bewohnende und Mitarbeitende in vier Schweizer Pflegeheimen dazu befragt. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild.
Das Wichtigste in Kürze
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Die meisten Bewohnenden in Altersheimen fühlen sich respektiert. Jedoch erleben viele queere Menschen ihre Identität als unsichtbar und sprechen nicht offen über ihr Leben oder ihre Beziehungen.
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Sichtbarkeit, Wissen und Angebote zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt fehlen in den meisten Heimen. Die Mitarbeitenden wünschen sich mehr Schulungen und Unterstützung.
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Das Projekt «queer-key» macht deutlich, dass es neben Respekt im Alltag vor allem mehr Sensibilisierung, offene Kommunikation und eine stärkere Verankerung von Vielfalt in den Institutionen braucht.
Wer in ein Altersheim einzieht, bringt ein ganzes Leben mit: Erinnerungen, Beziehungen, eine Identität. Doch was geschieht, wenn Teile dieser Identität im neuen Zuhause unsichtbar bleiben? Im Forschungsprojekt «queer-key – queersensible Pflege und Betreuung», das wir gemeinsam mit queerAlternBern durchführen, wird deutlich: Respekt und Wohlbefinden sind vielerorts zu spüren, doch unter der Oberfläche zeigen sich erhebliche Lücken in der Sichtbarkeit, im Wissen und in der Kommunikation rund um sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Das Projekt wird von der Age-Stiftung und der Stadt Bern finanziert.
Was Bewohnende berichten
Ein erster positiver Befund: Die meisten Bewohnenden fühlen sich in ihrem Heim grundsätzlich wohl und respektiert. Ein genauerer Blick offenbart jedoch Spannungsfelder, die nachdenklich stimmen. Etwa 29 Prozent aller Befragten gaben an, sich selten oder nie frei zu fühlen, über ihr Leben und ihre Partnerschaften offen zu sprechen. Fast ein Drittel der Bewohnenden lebt also mit dem Gefühl, einen wesentlichen Teil ihrer Biografie im Alltag verschweigen zu müssen. Besonders markant ist die wahrgenommene Unsichtbarkeit: Rund 70 Prozent der Bewohnenden stellten fest, dass nicht-heteronormative Lebens- und Liebesformen in ihrem Heim nicht oder kaum sichtbar sind. In den meisten Einrichtungen lagen nach Aussagen der Bewohnenden keinerlei Informationsmaterialien zu Lebens- und Liebesvielfalten vor. Auch beim Thema Diskriminierung zeigen sich beunruhigende Tendenzen. Knapp sieben Prozent der Bewohnenden berichteten von diskriminierenden Erfahrungen. Weitere 13 Prozent gaben auf diese Frage keine Antwort. Diese Nicht-Antworten könnten auf verdeckte Diskriminierungserfahrungen hinweisen. Damit läge der tatsächliche Anteil bei fast zwanzig Prozent, was wir – falls dies zutrifft – als alarmierend einstufen. Bemerkenswert ist zudem, dass die Bewohnenden die Offenheit des Personals deutlich positiver bewerteten als jene der Mitbewohnenden: Keine zwei Prozent empfanden das Personal als «selten offen» gegenüber Vielfalt, während dieser Wert bei den Mitbewohnenden bei rund acht Prozent lag. Das Akzeptanzproblem scheint also eher bei den Bewohnenden selbst zu liegen.
Was die Mitarbeitenden wahrnehmen
Das Bild der Mitarbeitenden ergänzt die Sicht der Bewohnenden. Der eigene Umgang mit den Bewohnenden wird insgesamt als respektvoll eingeschätzt. Auch das Miteinander der Bewohnenden untereinander wird von den Mitarbeitenden grundsätzlich positiv bewertet. Gleichzeitig gaben 36 Prozent der Befragten an, dass es aktuell Konflikte gebe. Diese reichen von Meinungsverschiedenheiten und Lästereien unter Bewohnenden über Aggression gegenüber dem Personal bis hin zu Spannungen, die durch Demenzerkrankungen entstehen. Was die Sichtbarkeit von Vielfalt und LGBTAIQ+ im Heimalltag betrifft, schätzten nur 39 Prozent der Mitarbeitenden diese als gut oder sehr gut ein, während 44 Prozent angaben, die queere Vielfalt sei gar nicht sichtbar. Die eigene Offenheit bewerteten die Mitarbeitenden deutlich höher als jene der Bewohnenden: 63 Prozent stuften die Offenheit im Team als sehr hoch oder hoch ein. Die Offenheit der Bewohnenden gegenüber Vielfalt wurde hingegen kritischer gesehen. Nur 32 Prozent der Mitarbeitenden betrachteten sie als sehr offen oder eher offen, während zwanzig Prozent sie als eher ablehnend einschätzten.
Das Studiendesign
Die Studie fand im Januar und Februar 2026 statt. In der Befragung wurden die Antworten der Bewohnenden als Paper-Pencil-Erhebung handschriftlich auf physischen Fragebögen festgehalten, um die Untersuchungsmethode möglichst voraussetzungsfrei zu gestalten. Insgesamt 84 Personen aus den vier teilnehmenden Heimen füllten den Fragebogen aus. Unter den Teilnehmenden bezeichneten sich gut zwei Prozent als nicht-binär oder genderqueer und ein Prozent als trans Frau. 82 Prozent gaben an, heterosexuell und rund 13 Prozent nicht heterosexuell zu sein. Die Perspektive der Mitarbeitenden wurde mit einer Online-Erhebung erfasst, 94 Fachpersonen nahmen daran teil.
Fehlende Strukturen und der Ruf nach Schulung
Besonders deutlich traten strukturelle Defizite hervor. Ein Grossteil der Mitarbeitenden bestätigte, dass es in ihrem Heim weder Informationsmaterialien zu Vielfalt (81 %) noch spezielle Angebote oder Aktivitäten in diesem Bereich (82 %) gibt. Immerhin gaben 53 Prozent an, dass feste Ansprechpersonen für Diskriminierungsfragen existieren, und die internen Meldestellen scheinen nach Einschätzung von 74 Prozent gut zu funktionieren. Die wohl auffälligste Zahl betrifft die Schulungssituation: 65 Prozent der Mitarbeitenden schätzten ihre eigene Schulung im Bereich queere Vielfalt als ungenügend oder nicht vorhanden ein. 94 Prozent hatten in den letzten zwei Jahren an keiner entsprechenden Weiterbildung teilgenommen. Nur zehn Prozent der Befragten bestätigten, dass Leitlinien und Konzepte zum Umgang mit Vielfalt in ihrem Heim vorliegen, und von diesen werden lediglich 16 Prozent verbindlich umgesetzt. Regelmässige Supervisionen oder Teammeetings zum Thema Vielfalt finden nur in 22 Prozent der Fälle statt.
Zwischen Generationenkonflikt und Kulturenvielfalt
In den offenen Antworten der Mitarbeitenden wurde eine besondere Dynamik sichtbar. Viele wiesen darauf hin, dass die heutige Generation der Heimbewohnenden in einer Zeit aufgewachsen sei, in der Homosexualität verboten war und Vielfalt schlicht kein Thema sein durfte. Diese Prägung sitze tief und lasse sich nicht ohne Weiteres verändern, zumal das Alter selbst mit Unsicherheiten und Verlusten einhergehe. Gleichzeitig wurde betont, dass auch unter den Mitarbeitenden selbst Herausforderungen bestehen: In einem Heim arbeiten Fachpersonen aus 26 verschiedenen Nationen. Religiöse oder kulturelle Hintergründe können einem offenen Umgang mit sexueller Vielfalt entgegenstehen. Trotz dieser Herausforderungen war der Wunsch nach Veränderung spürbar. Die Mitarbeitenden formulierten klare Bedürfnisse: professionell begleitete Schulungen, niederschwellige Angebote wie kurze Inputreferate an Teamsitzungen, verständliche Materialien für Bewohnende und Angehörige, den Einbezug Betroffener für einen Perspektivenwechsel sowie feste Anlaufstellen und Ansprechpersonen im Heim. Offenheit solle sichtbar gemacht und offene Kommunikation aktiv gefördert werden.
Ein Projekt mit Handlungsbedarf
Die bisherigen Ergebnisse des Projekts «queer-key» verdeutlichen, dass die queersensible Pflege und Betreuung in Schweizer Altersheimen noch am Anfang steht. Der Respekt im täglichen Umgang ist zwar weitgehend vorhanden, doch Sichtbarkeit, Wissen und eine strukturelle Verankerung von Vielfalt fehlen in den meisten Einrichtungen. Die Forschenden kommen zu einem klaren Fazit: Es besteht ein grosser Bedarf an Sensibilisierung und an der Sichtbarkeitsmachung von Vielfalt. Damit alle Bewohnenden, unabhängig von ihren sexuellen Orientierungen oder Geschlechtsidentitäten, ihr Altersheim so empfinden, wie es sein sollte: als ein Zuhause, in dem ich ganz ich selbst sein darf.
Unausgesprochenes mitteilen können
Maja Ulli von queerAlternBern hat das Projekt «queer key» gemeinsam mit BFH-Forscherin Sabina Misoch geleitet. Als Pflegefachperson arbeitete sie viele Jahre in verschiedenen Feldern. Sie bildete sich auch zur Pflegeexpertin weiter. Bis zur Pensionierung 2024 arbeitete sie in der Langzeitpflege bei Domicil Bern AG.
Warum engagieren Sie sich in diesem Projekt?
Maja Ulli: Ich habe mein ganzes berufliches Leben mit viel Herzblut in der Pflege gearbeitet. Ganz besonders liegen mir die alten Menschen am Herzen. Sie erfahren in unserer Gesellschaft nicht besonders viel Wertschätzung, wenn sie nicht mehr «produktiv» sein können. Es gibt Altersdiskriminierung. Gleichzeitig möchte ich mich für die Langzeitpflege engagieren, die viel besser ist als ihr Ruf. Pflegende verdienen Wertschätzung, denn die Ansprüche, die an sie gestellt werden, sind gross. Sie müssen eine riesige Vielfalt an Menschen in verletzlichen Situationen pflegen und betreuen. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir vorhandenes Fachwissen, Konzepte und Pflegestandards mit dem Thema «queer» verknüpfen. Sie können Sensibilität für diese verletzliche Menschengruppe erwerben.
Was soll das Projekt bewirken?
Die Haltung und die Kultur in einer Institution müssen den Menschen vermitteln, dass es möglich ist, bis jetzt Unausgesprochenes auszudrücken. Die Mitarbeitenden sollten eine Sensibilität für das «Unausgesprochene», also für verdeckt gehaltene Teile der Persönlichkeit, entwickeln. Gelebte Sensibilität ist für alle ein Gewinn, nicht nur für queere Menschen. Es gibt bei vielen Menschen am Lebensende Unausgesprochenes. Es wäre sehr schön, wenn dies in der letzten Lebenszeit für alle mitteilbar würde.
Wie kann man dies ermöglichen?
Diese Kultur kann nicht nur durch Schulungen vermittelt werden. Sie soll im Betrieb als Haltung gelebt werden. Dafür braucht es Vorbilder unter den Führungspersonen und Kolleg*innen. Eine regelmässige Reflexion der eigenen Arbeit gehört ebenfalls dazu. Dies ermöglicht fortlaufendes Lernen und Nachhaltigkeit.