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Simulation: Üben für den Ernstfall

12.05.2026 Wenn Sekunden entscheiden, müssen Handgriffe sitzen und Teams funktionieren. Simulationen ermöglichen es Studierenden der Gesundheitsberufe, kritische Situationen realitätsnah zu trainieren – ohne Patient*innen zu gefährden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Simulationen machen Ausbildung sicherer und praxisnäher – kritische Situationen können ohne Risiko trainiert werden.

  • Je höher der Realitätsgrad einer Simulation, desto stärker werden Skills wie Teamarbeit, Kommunikation und Entscheidungsfindung gelernt.

  • In einem zunehmen komplexen Arbeitsumfeld nimmt die Bedeutung solcher High-Fidelty-Simulationen zu.

Eine Frau hat kurz nach der Geburt starke Blutungen. Die Hebamme erkennt sofort die Gefahr und ruft Verstärkung. Eine zweite Hebamme kommt hinzu, kurz darauf eine Ärztin. Das Team verteilt Aufgaben, überprüft Vitalzeichen und bereitet Medikamente vor. Die Situation ist angespannt – jede Minute zählt. Doch niemand ist in Gefahr. Die Szene findet nicht auf einer Geburtsstation statt, sondern in einem Simulationsraum.

Solche Trainings gewinnen in der Ausbildung von Gesundheitsfachpersonen zunehmend an Bedeutung. «In Simulationen können Studierende in einer sicheren Umgebung lernen, ohne dass Patientinnen oder Patienten gefährdet werden», sagt Pflegeexpertin Rachel Hediger. Die Dozentin beschäftigt sich seit Jahren mit verschiedenen Formen von Simulationen in der Ausbildung von Pflegefachleuten.

Simulation
Ein Pflege-Studierender übt den Umgang mit einem Tracheostoma an einem Mannequin.

Von Low Fidelity zu High Fidelity

Simulation ist nicht gleich Simulation. In der Ausbildung unterscheidet man verschiedene Stufen der Realitätsnähe – die sogenannte «Fidelity». Bei Low-Fidelity-Simulationen trainieren Studierende einzelne Handgriffe, etwa das Setzen einer Injektion an einem künstlichen Arm. Hier geht es vor allem um grundlegende Fertigkeiten.

Middle-Fidelity-Simulationen arbeiten häufig mit Schauspielpatient*innen oder realitätsnahen Szenarien. Studierende üben beispielsweise klinisches Assessment oder schwierige Gespräche mit Patient*innen. Besonders realitätsnah sind High-Fidelity-Simulationen. Hier kommen aufwendige Technologien wie beispielsweise Mannequins mit simulierten Vitalzeichen oder VR-Brillen zum Einsatz. Die erhöhte Immersion soll den Lerneffekt verstärken.

Simulationsformen
Von Low Fidelity zu High Fidelity: Verschiedene Stufen von Simulationen.

Je realistischer die Simulation, desto stärker rücken andere Kompetenzen in den Vordergrund. Während bei einfachen Übungen vor allem technische Handgriffe trainiert werden («Task Management»), stehen bei realitätsnahen Szenarien Teamarbeit, Entscheidungsfindung, Leadership und Kommunikation im Zentrum. Diese Fähigkeiten orientieren sich am sogenannten Crew Resource Management (CRM) in der Luftfahrt. Dort werden kritische Situationen seit Jahrzehnten im Simulator trainiert.

Komplexität üben

Den Grund für die wachsende Bedeutung von Simulationen bei der Ausbildung von Gesundheitsfachpersonen sieht Rachel Hediger bei der zunehmenden Komplexität der Gesundheitsversorgung: «Patient*innen werden älter und leiden häufiger an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Zudem werden medizinische Behandlungen technologisch anspruchsvoller und Abläufe im klinischen Alltag schneller.» In solchen Situationen reicht es nicht mehr, einzelne Handgriffe zu beherrschen. Entscheidend ist, dass Teams gut zusammenarbeiten, Informationen klar kommunizieren und unter Zeitdruck die richtigen Entscheidungen treffen.

Laut WHO kommen rund 10 Prozent der Patient*innen während der Behandlung im Gesundheitssystem zu Schaden. Mehr als die Hälfte dieser Fälle gilt als vermeidbar. Eine zentrale Rolle spielen dabei menschliche Faktoren wie Kommunikation, Teamkoordination und Entscheidungsfindung – Fähigkeiten, die sich besonders gut in realitätsnahen Simulationen trainieren lassen.

Teure Technik – unterschiedliche Entwicklung

High-Fidelity-Simulationen haben allerdings auch einen Nachteil: Sie sind aufwendig und teuer. Mannequins, VR-Brillen und Simulationsräume erfordern beträchtliche Investitionen. In der Schweiz sind entsprechende Simulationszentren deshalb unterschiedlich stark entwickelt. Besonders Hochschulen in der Westschweiz haben Simulation früh systematisch in ihre Ausbildung integriert und interprofessionelle Simulationszentren aufgebaut.

Auch an der Berner Fachhochschule wird das Simulationstraining schrittweise ausgebaut. Ein Beispiel ist ein neues High-Fidelity-Mannequin, mit dem realitätsnahe klinische Szenarien für die Pflege-Ausbildung trainiert werden. In der Ernährungsberatung, Geburtshilfe und Pflege werden Virtual-Reality-Brillen für die Aus- und Weiterbildung getestet. Ein Forschungsprojekt hat das Ziel, neue Lehrformate für immersives Lernen im Gesundheitswesen mit Virtual Reality und Künstlicher Intelligenz in der Ausbildung zu entwickeln.

Diese Entwicklung freut Rachel Hediger: «Die High-Fidelity-Simulationen machen das Studium nicht nur realitätsnaher, sondern auch attraktiver für die Studierenden.» Sie betont aber: «Eine VR-Brille ersetzt klassische Ausbildungsformen wie die Blutentnahme an einem künstlichen Arm nicht, es handelt sich hier um eine Ergänzung.» Die verschiedenen Simulationsarten sollen zu besser vorbereiteten Gesundheitsfachleuten führen – wenn es dann ernst gilt.

Professionsentwicklung im Gesundheitswesen

Professionsentwicklung ist zentral für die Qualität, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie zeigt sich im beruflichen Alltag, wenn Fachpersonen ihr Handeln reflektieren, neues Wissen umsetzen und ihre Rollen weiterentwickeln. Gleichzeitig betrifft sie die Professionen als Ganzes: die Klärung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Entwicklung von Standards und die Stärkung professioneller Identität. Dabei stellt sich die Frage, wie individuelles Lernen und kollektive Entwicklungen zusammenspielen. Wir geben Einblick in Forschungsprojekte, Weiterbildungsangebote und Praxisbeispiele und zeigen, wie Professionsentwicklung im Gesundheitswesen konkret gelebt und weitergedacht wird.

Blutentnahme
Eine Low-Fidelity-Simulation der Blutentnahme an einem künstlichen Arm im Bachelor-Studiengang Pflege.
BSc Heb
Bachelor-Studierende der Geburtshilfe simulieren einen Notfall gemeinsam mit der Ärzteschaft.
GEB_VR_Simulation_Studierende
Bachelor-Studierende der Geburtshilfe testen eine High-Fidelity-Simulation mit einer VR-Brille.

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