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Zwischen Transparenz und Kontrolle: Wie CSR und Chinas Sozialkreditsystem globale Unternehmen herausfordern
28.05.2026 Das BFH-Forschungsprojekt von Omar Serrano untersucht, wie sich globale Marktgovernance im 21. Jahrhundert verändert, insbesondere durch das Aufeinandertreffen von Corporate Social Responsibility (CSR) und dem chinesischen Sozialkreditsystem (SCS).
Das Wichtigste in Kürze
- CSR steht für zunehmend gesetzlich verankerte Unternehmensverantwortung in Bezug auf Menschenrechte, Nachhaltigkeit und Transparenz.
- Das Sozialkreditsystem hingegen ist ein staatlich gesteuertes Bewertungssystem für Unternehmen in China, das auf Daten, Ratings sowie Sanktionen (z. B. Blacklists) und Anreizen (z. B. Redlists) basiert.
- Im Zentrum steht die Frage, wie europäische Unternehmen mit diesen teils widersprüchlichen Anforderungen umgehen, wenn sie gleichzeitig beiden Regulierungslogiken gerecht werden müssen.
Welche Widersprüche bestehen zwischen den beiden Systemen?
Während europäische CSR-Standards individuelle Rechte und Transparenz betonen, ist das Sozialkreditsystem stärker kollektivistisch geprägt und staatlich gesteuert und folgt damit einer anderen Logik von Transparenz. Diese besteht unter anderem darin, dass Unternehmensdaten und Bewertungen in weiten Teilen öffentlich zugänglich sind, wodurch ein System von Sichtbarkeit entsteht, das sowohl sanktionierend als auch belohnend wirkt – etwa durch „Naming-and-Shaming“ oder umgekehrt öffentliches Hervorheben („Naming-and-Praising“). Dies unterscheidet sich grundlegend vom europäischen Verständnis von Transparenz im CSR-Kontext, das stärker auf Rechenschaftspflicht, Berichterstattung und freiwillige Offenlegung abzielt.
Hinzu kommt die Herausforderung einer doppelten Regulierung. Unternehmen müssen gleichzeitig europäische Vorschriften, wie etwa Lieferkettengesetze, und Anforderungen des Sozialkreditsystems erfüllen, zu denen unter anderem Regelungen zum Umgang mit vermeintlich «falschen Informationen» oder Gerüchten zählen. Dies kann insbesondere dann problematisch werden, wenn Unternehmen im Rahmen ihrer Sorgfaltspflichten – etwa im Zusammenhang mit Berichten über mögliche Zwangsarbeit in Lieferketten – Informationen öffentlich machen, die von staatlicher Seite als unzutreffend eingestuft werden. In solchen Fällen können sich direkte Spannungen zwischen europäischen Transparenzanforderungen und den regulatorischen Erwartungen im Rahmen des Sozialkreditsystems ergeben.
Erschwerend kommt hinzu, dass das Sozialkreditsystem dynamisch ist und sich kontinuierlich weiterentwickelt, was zusätzliche Unsicherheiten für Unternehmen schafft. Gleichzeitig stehen Unternehmen unter Druck unterschiedlicher Anspruchsgruppen: Während Konsument*innen und Nichtregierungsorganisationen in Europa die Einhaltung hoher CSR-Standards erwarten, müssen Unternehmen in China den Anforderungen staatlicher Behörden gerecht werden.
Gibt es konkrete Beispiele, die zeigen, wie kompliziert die Situation sein kann?
Ein besonders prägnantes Beispiel ist der schwedische Modekonzern H&M. Im Jahr 2020 überprüfte das Unternehmen seine Baumwoll-Lieferketten aus Xinjiang aufgrund von Berichten über Menschenrechtsverletzungen und handelte damit im Einklang mit seinen CSR-Richtlinien. In China wurde dieser Schritt jedoch als politische Einmischung und als Verbreitung falscher Informationen interpretiert. Die Folgen waren weitreichend und reichten von Boykottaufrufen über die Entfernung von grossen Online-Plattformen bis hin zu regulatorischen Sanktionen im Rahmen des Sozialkreditsystems.
Dieses Beispiel verdeutlicht den zentralen Konflikt sehr anschaulich: Massnahmen, die aus CSR-Perspektive notwendig erscheinen, können im chinesischen Kontext erhebliche wirtschaftliche und regulatorische Risiken mit sich bringen.
Was können Unternehmen aus Ihrer Forschung lernen?
Ziel unseres Projekts ist es, systematisch zu analysieren, wie Unternehmen mit diesen Zielkonflikten umgehen, und daraus konkrete Handlungsstrategien abzuleiten. Unsere Forschung zeigt, dass Unternehmen dabei unterschiedliche Ansätze verfolgen. Einige setzen auf Kooperation, insbesondere in Bereichen, in denen CSR und Sozialkreditsystem miteinander vereinbar sind, etwa im Umweltbereich. Andere entscheiden sich für einen teilweisen Rückzug aus besonders konfliktträchtigen Bereichen im Sinne eines «De-Risking». Wieder andere versuchen, ihr China-Geschäft organisatorisch vom globalen CSR-Ansatz abzuschirmen, während einige Unternehmen aktiv mit Behörden verhandeln, um Handlungsspielräume zu gewinnen.
Aus diesen Erkenntnissen können Unternehmen wertvolle Schlussfolgerungen ziehen. Dazu gehören ein vertieftes Verständnis regulatorischer Risiken in China, konkrete Strategien im Umgang mit widersprüchlichen Anforderungen sowie Ansätze zur Entwicklung nachhaltiger und zugleich wettbewerbsfähiger Geschäftsmodelle. Darüber hinaus liefert das Projekt eine fundierte Grundlage für Standort- und Investitionsentscheidungen.
Langfristig soll unsere Forschung dazu beitragen, Unternehmen, Politik und Öffentlichkeit besser auf die neuen Formen globaler Marktregulierung vorzubereiten.