Alles schön im Kreislauf halten – aber wie?

24.04.2024 Um Rohstoffe möglichst effizient zu nutzen, müssen wir (Lebensmittel-)Produktion und Konsum umgestalten. Was verhilft der Kreislaufwirtschaft zum Durchbruch? Auf dem Expert*innen-Podium an der BFH-HAFL tauchte wiederholt auf: das Mindset.

Sie landen zu Tonnen im Abfall, könnten aber – durch Forschergeist und Innovation – wiederverwertet werden: die Nebenströme aus der Lebensmittelproduktion. (Neben-)Produkte wiederaufbereiten und wiederverwenden ist das Ziel von Kreislaufwirtschaft. Dadurch wird die Nachhaltigkeit gefördert und die Umweltbelastung verringert. Das gelingt in Ansätzen erfolgreich: Die BFH-HAFL hat zum Beispiel einen schmackhaften Fleischersatz aus Soja-Trester mitentwickelt und forscht im Projekt «EcoCircular» in Lyss, wo bisher noch ungenutzte Nährstoffe aus tierischen Nebenprodukten aufgewertet werden sollen.

Doch wie verhelfen wir der Kreislaufwirtschaft so richtig zum Durchbruch? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Expert*innen-Podiums während des Events der BFH-HAFL und BFH-Gesundheit zum Thema «Ernährungssystem der Zukunft». 
 

«Der Kantons Bern unterstützt gezielt zirkuläre Projekte.» Regierungsrat Christoph Ammann. (Bilder: BFH-HAFL)
«Der Kanton Bern unterstützt gezielt zirkuläre Projekte.» Regierungsrat Christoph Ammann. (Bild: BFH-HAFL)

Wichtiger Input aus der Politik

Ist es die Politik, die zum grossen Aufschwung verhilft? «Die Standortförderung des Kantons Bern unterstützt gezielt zirkuläre Projekte», sagte Regierungsrat und Gastredner Christoph Ammann vor dem zahlreich erschienenen Publikum in Zollikofen, auch im Ernährungs- und Lebensmittelbereich. Aber als alleinige Akteurin der Kreislaufwirtschaft zum Durchbruch verhelfen – nein. «Es braucht weitere wichtigere, wie die Wissenschaft, die angewandte Forschung und damit die BFH-HAFL.» Und auch die Wirtschaft, die Wissenschaft in Innovation und erfolgsversprechende Geschäftsmodelle umwandle. Ein Steilpass des Regierungsrats an die Gäste auf dem Podium. 

Das braucht es noch: Mindset…

Zum Erfolgsrezept der Kreislaufwirtschaft gehören für Georg O. Herriger, Geschäftsführer von EcoCircular, «Anreize und das richtige Mindset»: Projekte müssten in der Privatwirtschaft nachhaltig rentabel sein, aber nicht unbedingt durch höhere Erträge, sondern durch niedrigere Kosten: «Mit der Verlagerung der kreativen Energie kann Innovation beim Ressourceneinsatz entstehen», so Herrigers Anleitung zum «Kreislaufwirtschaft-Mindset». 

Breites und offenes Denken fordert auch Elisabeth Eugster, Fachbereichsleiterin Food Science & Management der BFH-HAFL: «Nicht nur interdisziplinär, sondern transdisziplinär.» Damit Kreislaufwirtschaft zur Transformation wird – etwa für das Ernährungssystem der Zukunft -, «muss man sie in die Gesellschaft tragen und alle Akteure im Food-System einbeziehen, auch die Leute auf der Strasse», so die Lebensmittelwissenschaftlerin; sie führte das BFH-Forschungsprojekt Reallabor Webergut an. In einem urbanen Dorf erproben Bewohnerinnen und Bewohner ein gutes Leben innerhalb der planetaren Grenzen.
 

Auf dem Podium (v.l.n.r.): Josef Känzig, Chef Sektion Konsum und Produkte, BAFU; Elisabeth Eugster, Abteilungsleiterin Food Science & Management, BFH-HAFL; Sean Wassermann von «Kidemis» und Georg O. Herriger, Geschäftsführer von EcoCircular. (Bild: BFH-HAFL)
Auf dem Podium (v.l.n.r.): Josef Känzig, Chef Sektion Konsum und Produkte, BAFU; Elisabeth Eugster, Abteilungsleiterin Food Science & Management, BFH-HAFL; Sean Wassermann von «Kidemis» und Georg O. Herriger, Geschäftsführer von EcoCircular. (Bild: BFH-HAFL)

… Aufwertung und Support vom Staat

Zum Durchstarten kann der Kreislaufwirtschaft gemäss Sean Wassermann von «Kidemis» das Aufwerten von ungenutzten Nebenströmen verhelfen: «Millionen von Tonnen an Nebenprodukten landen im Abfall», so der Jungunternehmer, der mit seinem Start-up an der BFH-HAFL aus ebendiesem «Abfall» aus der Landwirtschaft Proteinfutter für Fische herstellen will. Eine grosse Schwierigkeit sei dabei die Konkurrenzfähigkeit. «Produkte aus der Verwertung von Nebenströmen sind oft teurer als die klassisch hergestellten», so Wassermann. 

Diese Herausforderung sieht auch Josef Känzig, Chef Sektion Konsum und Produkte des BAFU; wenn auch die steigenden Rohstoffpreise die Lage etwas verbessern würden. Dennoch betrachtet er die Kreislaufwirtschaft als Chance sowohl auf volkswirtschaftlicher als auch auf unternehmerischer Ebene, da weniger weggeworfen werde. Durch eine parlamentarische Initiative will der Bund die Schweizer Kreislaufwirtschaft stärken, beispielsweise durch Finanzhilfen für Aus- und Weiterbildung sowie private Plattformen. Weitere Schritte also, die die Kreislaufwirtschaft näher an den Durchbruch bringen.

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Fachgebiet: Agronomie + Wald