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Baracken: Provisorien mit langer Geschichte

05.08.2026 In der Schweiz werden seit über 150 Jahren Baracken als Unterkünfte für geflüchtete Menschen genutzt. Der historische Blick auf diesen per Definition temporären Bautyp zeigt Merkmale, die bis heute anzutreffen sind: schnell errichtet, baulich standardisiert und räumlich segregiert, werden grössere Menschengruppen untergebracht.

Sie stehen zwischen Fertigungshallen, an Ortsrändern oder entlang von Gleisanlagen: Holzbaracken sind bis heute in der Schweiz anzutreffen. Die eingeschossigen Holzbauten wirken meist unscheinbar und zugleich auffallend gleichförmig. Diese Gleichförmigkeit hat im wahrsten Sinne des Wortes System. Baracken beruhen auf standardisierten Bausystemen, die sich aufgrund ihrer Normierung und einfachen Bauweise schnell und kostengünstig errichten liessen. Zugleich können sie für unterschiedliche Zwecke genutzt werden.

Baracken wurden in der Schweiz regelmässig zur Unterbringung grösserer Menschengruppen genutzt – unter anderem für die Unterbringung geflüchteter Menschen. Im vom Nationalfond geförderte Forschungsprojekt «Nachhaltige Baukultur im Kontext Flucht» nehmen Forschende der Architektur und der Sozialen Arbeit daher Holzbaracken in den Fokus.

Baracken und Flucht in der Vergangenheit

Die Nutzung von Baracken als temporäre Unterkünfte für geflüchtete Menschen lässt sich in der Schweiz bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Bereits 1871 wurden in Bern rund 1450 geflüchtete Soldaten der französischen Bourbaki-Armee in einem umzäunten Lager auf dem Wylerfeld interniert. Auch während des zweiten Weltkrieges dienten Holzbaracken der Unterbringung geflüchteter Soldaten und Zivilist*innen.

Das wohl bekannteste Beispiel ist das Internierungslager in Büren an der Aare mit 120 Holzbaracken. Weniger sichtbar sind Lager, deren Spuren heute nur noch verstreut in Archiven zu finden sind. Dazu zählt das Barackenlager am damaligen Plenterplatz in den Wäldern am Uetliberg oberhalb von Zürich, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Hinweise geben jedoch die Zeichnungen des dort internierten jüdisch-italienischen Künstlers Leo Yeni sowie die Tagebucheinträge des Buchautors Arturo Lanocita. Dieser schreibt:

«Im Herzen des Waldes hatten polnische Flüchtlinge ein Dutzend Baracken gebaut: diese Baracken, welche bereits um die siebzig andere Flüchtlinge beherbergten und nun auch uns empfingen, bildeten den Plenterplatz, dessen Name in alle Ewigkeit verdammt sei. Ich kann mich an keinen entsetzlicheren Tag als diesen unserer Ankunft am Plenterplatz erinnern.»

Solche Quellen zeigen Baracken nicht nur als pragmatische Lösungen für kurzfristige Unterbringung, sondern auch als Orte schwieriger Lebensbedingungen, räumlicher Isoliertheit und eines Provisoriums, das für viele Menschen oft dauerhaft zum Alltag wurde.

Beengte und prekäre Lebensbedingungen

Diese schwierigen Lebensbedingungen zeigen sich nicht nur in historischen Quellen, sondern auch in den Erzählungen von Zeitzeug*innen, die wir im Rahmen des Forschungsprojekts sprechen konnten. Besonders deutlich werden dabei beengte Raumverhältnisse und die geringe Privatsphäre.

In den ehemaligen Saisonnier-Baracken an der Freiburgstrasse in Bern, die ab 1986 als Unterkünfte für geflüchtete Menschen genutzt wurden, standen in den Mehrbettzimmern bei voller Belegung rund 4m2 pro Person zur Verfügung. In der ehemaligen Armeebaracke an der Bolligenstrasse in Bern waren es je nach Zimmer zwischen 2,5 und 4,3 m2 pro Person. Auch in den Saisonnier-Baracken des Juch-Areals in Zürich-Altstetten wurden Räume deutlich dichter belegt als ursprünglich vorgesehen: In Zimmern von rund 9 m2, die für zwei Personen geplant waren, lebten zeitweise bis zu sechs geflüchtete Personen.

Neben der räumlichen Enge kamen weitere Belastungen hinzu. In Gesprächen nannten ehemalige Mitarbeitende der Asyl-Organisation Zürich (AOZ), die im Juch-Areal gearbeitet hatten, unter anderem hygienische Probleme: Bettwanzenbefall oder Mäuse aus den nahegelegenen Schrebergärten, die leicht durch die Holzböden und Zwischenwände eindringen konnten. Auch die Bausubstanz war problematisch: Als die AOZ Mitte der 2000er-Jahre Teile der Anlage übernahm, waren die Baracken bereits 40 Jahre in Gebrauch und wurden als «sehr alt und auch heruntergekommen» beschrieben. Im Sommer waren die Räume heiss, im Winter kalt. Dünne Wände, knarzende Böden und die Nähe zur Autobahn verstärkten die Lärmbelastung.

Baracken erscheinen in diesem Fällen nicht nur als günstige und flexible Unterkunftsform, sondern auch als Wohnumgebung, in der bauliche Mängel und soziale Belastungen unmittelbar zusammenwirken.

Kontinuität des Provisorischen für marginalisierte Gruppen

Das Juch-Areal in Zürich-Altstetten zeigt, dass Baracken wiederholt zur Unterbringung marginalisierter Gruppen genutzt wurden. In der Zwischenkriegszeit befand sich dort eine Isolationsanlage – ein sogenanntes «Siechenhaus» – für Menschen mit ansteckenden Krankheiten. Ab den 1960er-Jahren wurden auf dem Gelände Holzbaracken für saisonale Arbeitsmigrant*innen errichtet. Ab den 2000er-Jahren bis 2014 lebten die Saisonniers zusammen mit abgewiesenen Asylsuchenden und anerkannten Flüchtlingen im selben Areal.

Das Beispiel macht eine zentrale Kontinuität sichtbar: Unterschiedliche Gruppen wurden zu verschiedenen Zeiten an demselben Ort untergebracht, doch die Unterbringungsform blieb provisorisch, randständig und räumlich separiert. Die Baracken standen damit nicht nur für eine pragmatische Lösung bei kurzfristigem Bedarf, sondern auch für eine dauerhafte Praxis, marginalisierte – und später vor allem migrierte – Menschen in baulich prekären und abgeschiedenen Strukturen unterzubringen.

Aus der Vergangenheit lernen

Die historische Aufarbeitung der Unterbringung geflüchteter Menschen ist für unser Forschungsprojekt zentral. Sie macht deutlich, wie sich bestimmte Formen der Unterbringung herausgebildet haben, welche baulichen und sozialen Logiken ihnen zugrunde liegen und wie diese bis in die Gegenwart bestehen bleiben. Auch wenn Holzbaracken heute nicht mehr neu gebaut werden, sind ihre Spuren weiterhin sichtbar. Sie zeigen sich in Raumkonzepten und Patenten, die aus dem Barackenbau hervorgegangen sind und in heutigen Container- und Holzmodulbauten fortbestehen. Auch diese Bautypen werden heute oft für die Unterbringung geflüchteter Menschen eingesetzt.

Der Blick zurück wirft Fragen für die Gegenwart auf: Welche Kontinuitäten gilt es zu überwinden? Und welche Aspekte können weitergedacht werden? Für eine nachhaltige Baukultur im Kontext Flucht reicht es nicht, Unterkünfte nur als temporäre Lösungen zu verstehen. Entscheidend ist, ob sie soziale Teilhabe fördern und langfristig tragfähige Lebensbedingungen schaffen.

Damit betrifft die Frage nach der Unterbringung geflüchteter Menschen nicht allein Architektur und Planung. Sie ist auch für die Soziale Arbeit zentral. Denn Wohnen ist mehr als Schutz vor Witterung: Es prägt Alltag, Privatsphäre, Gesundheit, Beziehungen und Möglichkeiten der sozialen Teilhabe.

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Artikel und Berichte:

Projekte und Partner:

Literatur und weiterführende Links

  • Lanocita, A. (1945), Croce a sinistra, Mailand

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