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Erwerbsarbeit: Wandel und Kontinuität in Paarhaushalten

28.10.2026 In den vergangenen zehn Jahren waren mehr Frauen erwerbstätig als davor – und dies mit höherem Pensum. Eine Studie zu Paarhaushalten zeigt, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen heute die Norm ist und zunehmend unabhängig vom Einkommen des Partners erfolgt. Die Mutterschaft wirkt sich jedoch weiterhin stark auf das Arbeitspensum von Frauen aus.

Die Schweiz weist im internationalen Vergleich eine hohe Erwerbstätigkeit von Frauen auf. In gemeinsamen Haushalten ist die Erwerbstätigkeit von Männern und Frauen jedoch weiterhin ungleich verteilt. Im Forschungsprojekt «Haushaltsstruktur und Arbeitslosigkeit» im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO untersuchen wir, wie verschiedene Haushaltsformen mit Arbeitsangebot, Arbeitslosigkeit und Wiedereinstieg zusammenhängen und wie sich dies von 2012 bis 2022 verändert hat. Die Analyse beruht auf verknüpften Daten des Bevölkerungsregisters, individuellen AHV-Konten und der Arbeitslosenversicherung. Sie fokussiert auf die ständige Wohnbevölkerung im Haupterwerbsalter zwischen 25 und 58 Jahren. Die Ergebnisse zeigen eine klare, aber differenzierte Entwicklung: Die Erwerbstätigkeit und bezahlten Arbeitsstunden von Frauen haben deutlich zugenommen, insbesondere bei Müttern. Gleichzeitig bleibt die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Haushalten mit Kindern weitgehend bestehen. Die wichtigste Veränderung ist eine Verschiebung innerhalb des bestehenden 1,5-Verdienenden-Modells – aber nicht dessen Auflösung. In Paarhaushalten mit Kindern arbeiten Männer weiterhin meist Vollzeit und Frauen Teilzeit – aber nun in einem höheren Pensum.

Frauen holen auf – doch der Abstand bleibt gross

Zwischen 2012 und 2022 hat sich das Arbeitsangebot von Frauen – also die Arbeitskraft, die sie als Arbeitnehmerinnen oder Stellensuchende auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen – deutlich erhöht. Ihre Erwerbstätigenquote ist gestiegen, ebenso die durchschnittlichen Arbeitsstunden. Im Jahr 2022 arbeiteten 84 Prozent aller Frauen. Besonders ausgeprägt war der Anstieg bei Frauen in Paarhaushalten (mit und ohne Kinder): Ein vollständiger Rückzug aus dem Erwerbsleben ist seltener geworden und Partnerinnen arbeiten vermehrt in einem höheren Teilzeitpensum.

Grafik: Entwicklung der Erwerbstätigenquote Bild vergrössern

Bei den Männern zeigt sich dagegen kaum eine Veränderung. Ihre Erwerbstätigenquote und Arbeitszeit bleiben über den untersuchten Zeitraum weitgehend stabil. Mit 91 Prozent gehen weiterhin deutlich mehr Männer einer bezahlten Arbeit nach als Frauen. Zwar lässt sich ein leichter Rückgang erkennen, da dieser Väter jedoch nicht stärker betrifft als Männer ohne Partnerin oder ohne Kinder, lässt sich dies kaum als ein Hinweis auf eine breitere Umverteilung von Betreuungs- und Hausarbeit deuten. Zusammen sind die bezahlten Arbeitsstunden beider Partner leicht angestiegen.

Mutterschaft bleibt der entscheidende Einschnitt

Am stärksten unterscheiden sich Erwerbsverläufe danach, ob und wie viele Kinder in einem gemeinsamen Haushalt leben. Erwerbstätige Frauen ohne Kinder arbeiteten 2022 im Durchschnitt gut 35 Stunden pro Woche. Bei einem Kind waren es knapp 30 Stunden, bei zwei Kindern knapp 26 Stunden. Bei Männern liegt die durchschnittliche Arbeitszeit nahezu konstant bei rund 40 Stunden pro Woche, unabhängig von der Anzahl Kinder. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei der Erwerbstätigenquote.

Grafik: Durchschnittliche Wochenarbeitsstunden Bild vergrössern

Auch das Alter des jüngsten Kindes spielt eine zentrale Rolle. Die Erwerbstätigkeit von Müttern ist besonders niedrig, solange kleine Kinder im Haushalt leben. Sie steigt erst wieder an, wenn diese älter werden. Zwar stieg das Erwerbsniveau von Frauen jüngerer Generationen gegenüber älteren Generationen in den untersuchten Jahren deutlich an, doch der typische Rückgang rund um die Geburt und frühe Kindheit bleibt bestehen.

Weibliche Erwerbsbiografien verändern sich

Eine der markantesten Veränderungen der letzten Jahre betrifft den Zusammenhang zwischen Erwerbsverhalten und Partnereigenschaften bei Paaren. Das Arbeitspensum von Frauen hängt immer weniger mit dem Einkommen und anderen Eigenschaften des Partners zusammen. Während bei Frauen 2012/13 das Arbeitspensum noch deutlich höher war, wenn ihr Partner nicht erwerbstätig oder arbeitslos war, sind die Unterschiede in Bezug auf die Erwerbssituation des Partners in den Jahren 2021/22 nur noch gering. Diese Entwicklung deutet auf eine zunehmende Eigenständigkeit weiblicher Erwerbsbiografien hin. Erwerbsentscheidungen werden unabhängig vom Einkommen und von der Arbeitssituation des Partners getroffen. Damit verschiebt sich ein zentrales Element des traditionellen Ernährer-Modells, auch wenn die Erwerbstätigkeit und das Einkommen von Frauen insgesamt nur langsam zugenommen haben.

Grafik: Bezahlte Arbeitsstunden von Frauen Bild vergrössern

Arbeitslosigkeit macht Ungleichheiten sichtbar

Haushaltsformen prägen auch das Risiko, arbeitslos zu werden und eine bezahlte Arbeit nach einer Phase der Arbeitslosigkeit wiederaufzunehmen. In Paarhaushalten ist das Risiko arbeitslos zu werden insgesamt niedriger als bei Alleinstehenden und Alleinerziehenden. Beim Wiedereinstieg zeigt sich auch hier bei Eltern ein geschlechtsspezifisches Muster: Väter kehren bei Arbeitslosigkeit schneller in den Beruf zurück als Mütter. Besonders lang dauert die Wiederaufnahme der Berufstätigkeit bei Müttern von kleinen Kindern. Gründe dafür könnten eine geringere Arbeitsmarktbindung und betreuungsbedingte Einschränkungen bei der Auswahl passender Stellen sein – hier kann die Vereinbarkeit der Kinderbetreuung, des Arbeitspensums und der Arbeitszeit an ihre Grenzen kommen.

Wandel innerhalb stabiler Strukturen

Die Unterschiede im Arbeitsangebot von Frauen und Männern in der Schweiz nehmen ab, sind aber noch immer beträchtlich. Frauen sind heute häufiger erwerbstätig, arbeiten in höheren Pensen und treffen ihre Erwerbsentscheidungen unabhängiger vom Einkommen und der Erwerbssituation des Partners als noch vor zehn Jahren. Gründe für diese Veränderungen sind zum einen ein fundamentaler Wandel der Normen in Bezug auf die Erwerbstätigkeit von Frauen und zum anderen die abnehmende Geburtenrate. Auch die höhere Bildung in der Bevölkerung und das Wachstum des Dienstleistungssektors tragen dazu bei, dass Frauen in Paarhaushalten heute häufiger arbeiten als früher. Gleichzeitig bleibt die Mutterschaft der zentrale Einschnitt in weiblichen Erwerbsbiografien. Die Männer verändern ihr Erwerbsverhalten dagegen kaum, womit Frauen weiterhin einen grossen Teil der Kinderbetreuung, des Haushalts und der Familienorganisation übernehmen. Das 1,5-Verdienenden-Modell erweist sich damit als bemerkenswert stabil, seine Ausprägung verschiebt sich jedoch schrittweise. Auch wenn die Erwerbstätigkeit von Frauen zur Norm geworden ist und Frauen ökonomisch stärker eingebunden sind – die Veränderung geschieht weiterhin innerhalb stark geschlechtsspezifischer Strukturen.

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