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Peer-Arbeit in der Armutspolitik: Erfahrung auf Augenhöhe
27.05.2026 Viele armutsbetroffene Personen nutzen die vorhandene Unterstützungsangebote nicht. Peer-Arbeit nutzt Erfahrungswissen, um Ihnen den Zugang zu erleichtern, Vertrauen aufzubauen und wirksame Unterstützung zu ermöglichen. Forschende, armutsbetroffene Personen und Fachpersonen entwickelten nun gemeinsam ein Konzept für Peer-Arbeit in der Armutspolitik.
In der Schweiz leben 8,4 Prozent der Bevölkerung in Armut. Jedoch beziehen zwischen 20 und 40 Prozent der berechtigten Personen keine entsprechenden Sozialleistungen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Scham, Unsicherheit im Umgang mit Behörden oder fehlende Informationen über vorhandene Angebote. Zudem fehlt es an passenden, niederschwelligen Unterstützungsangeboten. Genau hier setzt das Konzept der Peer-Arbeit an.
Peer-Arbeit: Unterstützung durch Erfahrungswissen
Durch Peer-Arbeit können armutsbetroffenen Person, die eine entsprechende Weiterbildung besucht haben, andere armutsbetroffene Person unterstützen. Beide Personen teilen einen gemeinsamen Erfahrungskontext, etwa im Umgang mit Stigmatisierung oder alltäglichen Herausforderungen. Diese Erlebnisse machen sie füreinander zu Peers. Sie helfen sich dabei, das Gegenüber in ähnlichen schwierigen Lebenssituationen zielführend emotional zu unterstützen, zu ermutigen und zu begleiten. Dies belegen zum Beispiel Studien zur ambulanten Psychiatrie, zur Behindertenhilfe und zum Suchtbereich.
Damals konnten wir nicht auf das Erfahrungswissen anderer zurückgreifen. Wir wären froh gewesen, wenn jemand mit uns nützliche Erfahrungen geteilt hätte.
Peers bringen eine Perspektive ein, die wir als Fachpersonen so nicht haben und die für Betroffene sehr wertvoll sein kann.
Partizipative Entwicklung der Chancen und Voraussetzungen
Damit soziale Organisationen Peer-Arbeit planen, einführen und weiterentwickeln können, benötigen sie ein Rahmenkonzept. Als praxisnahe Wegleitung stellt es unter anderem sicher, dass Verantwortungen der Sozialen Arbeit oder der Behörden nicht missbräuchlich an die unterstützenden Peers abgegeben werden oder die Peer-Arbeit bloss symbolisch erfolgt. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Peer-Arbeit für armutsbetroffene Personen: Konzept, Einführung und Wirkung» erarbeiteten Forschende der BFH gemeinsam mit Peers und Fachpersonen aus sozialen Organisationen ein passendes Rahmenkonzept. Es beinhaltet Grundlagen, Chancen und Voraussetzungen für die Peer-Arbeit in der Armutsprävention und -bekämpfung sowie eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Umsetzung und Weiterentwicklung von Peer-Arbeit in der Armutspolitik.
Zentrale Voraussetzungen für Peer-Arbeit Eine erfolgreiche Peer-Arbeit basiert auf fünf Grundelementen, die sich in der Schweiz während der partizipativen Entwicklung des Rats für Armutsfragen sowie auch international bewährt haben:
- Ziele
- Mitglieder
- Adressat*innen
- Funktionsweise
- Ressourcen/Finanzen
Während der Ausarbeitung des Rahmenkonzepts konnten dazu wichtige Erkenntnisse gewonnen werden:
- Zu den zentralen Zielen zählen zum einen personenbezogene Ziele wie die Erreichbarkeit der armutsbetroffenen Personen, sowie die Stärkung ihrer Selbstwirksamkeit. Zum anderen sind strukturelle Ziele wichtig. Dazu braucht es die Bereitschaft von Fachpersonen, blinde Flecken in Prozessen und Praktiken zu erkennen und die Unterstützungsangebote entsprechend zu überprüfen und anzupassen.
- Für das Funktionieren der Peer-Arbeit innerhalb einer Organisation braucht es eine transparente Rollenklärung und eine feste Ansprechperson für die Peers. Zudem ist es wichtig, dass die Peers ihr Betroffenenwissen in einer Weiterbildung reflektieren, ihre Kompetenzen weiterentwickeln und Methoden der Peer-Arbeit erlernen. Bereits bei der Rekrutierung der Peers sollte zudem bereits das passendes Matching mit den Nutzenden berücksichtigt werden.
- Für die Umsetzung der Peer-Arbeit braucht es ausreichende personelle, organisatorische und finanzielle Ressourcen und klare Rahmenbedingungen für die Anstellung der Peers: eine faire Entschädigung, transparente Arbeitszeiten und klare Zuständigkeiten zur Qualitätssicherung.
Begleitete Umsetzung als nächster Schritt
In einem nächsten Schritt wird das Forschungsteam der BFH ab Sommer 2026 die Peer-Arbeit in acht sozialen Organisationen in Bern, Biel und Neuchâtel mit vierzehn Peers umsetzen, die sich aktuell für diese Aufgabe in einem Fachkurs weiterbilden. Dabei wird untersucht, welche Wirkung die Peer-Arbeit auf den Zugang zu Unterstützungsangeboten sowie auf das Wohlbefinden armutsbetroffener und -gefährdeter Menschen hat.
Artikel und Berichte:
- Chiapparini, E., Bitsch, K., Moser, P. & Turuani, D (2026). Peer-Arbeit von und für armutsbetroffene Personen. Rahmenkonzept. Berner Fachhochschule, Bern
- Chiapparini, E., Bitsch, K., Daigler, C., Moser, P., & Turuani, D. (2026). Travail pair, par et pour les personnes en situation de pauvreté ou à risque de pauvreté : Cadre conceptuel. Haute école spécialisée bernoise BFH, Berne
- Chiapparini, E. (2025). Peer-Arbeit für armutsbetroffene Personen. Soz Passagen 17, 721–726
- Chiapparini, E., Guerry, S., Reynaud, C. (2024): Wie können armutserfahrene Personen mit ihrer Erfahrungsexpertise dauerhaft in die Schweizer Armutspolitik einbezogen werden und mitwirken?; Bundesamt für Sozialversicherungen, Bern
- Schuwey, C., Müller de Menezes, R., Chiapparini, E., & Kerr Stoffel, S. (2021). Evaluation 2019-2021 „Femmes-Tische und Männer-Tische“ Mehrsprachige, informelle Bildung für Menschen in allen Lebenslagen (Faktenblatt No. 62; Gesundheitsförderung Schweiz). Gesundheitsförderung Schweiz.
Partner und Projekte:
Literatur und weiterführende Links:
- Braukmann, J., Heimer, A., Jordan, M., Maetzel, J., Schreiner, M., & Wansing, G. (2017). Evaluation von Peer Counseling im Rheinland—Endbericht. Landschaftsverband Rheinland (LVR).
- Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). (2025). Synthese Bericht 2025. Nationales Armutsmonitoring der Schweiz.
- Burr, C., Ambord, N., Andersson, S. R., Hasler, M., & Hegedüs, A. (2024). Ambulante psychiatrische Pflege und aufsuchende Peerarbeit (APPeer): Qualitative Untersuchung zur Implementierung von Peers in Spitexorganisationen (Innovationsfeld Psychische Gesundheit und Psychiatrische Versorgung) [Schlussbericht]. Berner Fachhochschule.
- Chassé, K. A. (2023). Diskriminierung von Armen und Soziale Ausgrenzung. In A. Scherr, A. C. Reinhardt, & A. El-Mafaalani (Hrsg.), Handbuch Diskriminierung (S. 459–482). Springer Fachmedien Wiesbaden.
- Collins, D., Alla, J., Nicolaidis, C., Gregg, J., Gullickson, D. J., Patten, A., & Englander, H. (2019). “If It Wasn’t for Him, I Wouldn’t Have Talked to Them: Qualitative Study of Addiction Peer Mentorship in the Hospital. Journal of General Internal Medicine.
- De Corte, J., & Kerstenne, C. (2015). Évaluation de l’apport des experts du vécu en matière de pauvreté au sein des services publics fédéraux [Rapport final]. Universiteit Gent, Université de Liège.
- Metzner, K., Burr, C., Salina, A., Dirk P., F., & Rössli, D. (2020). Praxisempfehlungen zur Anstellung von Peers in Institutionen (S. 1–28) [Praxisempfehlung]. Pro mente sana.
- Moret, J., & Dahinden, J. (2009). Wege zu einer besseren Kommunikation Kooperation mit Netzwerken von Zugewanderten. Eidgenössische Kommission für Migrationsfragen EKM.