• Story

Fürsorge gehört zum Menschsein

24.06.2026 Der feministische Streiktag und das 30-Jahr-Jubiläum des Gleichstellungsgesetzes rücken Care in den Fokus. Zwei BFH-Expertinnen zeigen, warum Sorge-Arbeit zentral bleibt – und wie die BFH Wandel mitprägen kann.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fürsorge und Chancengleichheit sind fundamentale Teile des Menschseins und betreffen uns alle.

  • Care-Arbeit muss mehr Wertschätzung erhalten, auch finanziell.

  • Die BFH kann den Umgang mit Care und Chancengerechtigkeit in der Gesellschaft massgeblich mitprägen.

Der historische Frauenstreik vom 14. Juni 1991 hat strukturelle Ungleichheiten, Lohndiskriminierung und geschlechtsspezifische Gewalt ins Zentrum gerückt. Seit dem zweiten grossen Streiktag im Jahr 2019 hat sich der 14. Juni in der Schweiz zum wiederkehrenden Tag des feministischen Streiks etabliert. Er sensibilisiert dafür, wie zentral die Arbeit von Frauen* für das Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft ist – und wie ungleich diese Arbeit auch heute noch bewertet wird.

Die Geschichte des Feministischen Streiks ist eng mit der Entwicklung der Gleichstellungspolitik in der Schweiz verbunden. Am 1. Juli 1996 – also vor 30 Jahren – trat das Schweizer Gleichstellungsgesetz in Kraft. Trotz rechtlicher Fortschritte bestehen weiterhin deutliche Unterschiede bei Löhnen, Renten, politischer Repräsentation und der Verteilung unbezahlter Arbeit.

Wir treffen Carolin Fischer, Leiterin Strategisches Themenfeld Caring Society, und Lucia M. Lanfranconi, Co-Leiterin der Fachstelle Chancengleichheit, zum Gespräch über Fortschritte, blinde Flecken und darüber, wie Hochschulen wie die BFH den Stellenwert von Care-Arbeit prägen können.

Sie können sich das Gespräch, das BFH-Kommunikationsspezialistin Chantal Fischer mit Carolin Fischer und Lucia Lanfranconi führte, auch an anhören:
 

Carolin Fischer und Lucia Lanfranconi, wie ergänzen sich eine Caring Society und Chancengleichheit – und wo grenzen sie sich vielleicht auch voneinander ab?

Carolin Fischer: Chancengleichheit ist ein zentrales Querschnittsthema für eine Caring Society. Eine sorgende Gesellschaft ist ohne Chancengleichheit nicht denkbar. Wir ergänzen uns daher insofern, als wir im Themenfeld konkrete Massnahmen im Dienste der Chancengleichheit in einen breiteren Diskurs einbetten und Zusammenhänge aufzeigen.

Eine Abgrenzung sehe ich in erster Linie durch unsere Zuständigkeiten. Die Fachstelle Chancengleichheit fokussiert stärker auf die Verantwortung der BFH als Betrieb, während das Themenfeld Forschung und Lehre zu einer Caring Society fördert und die Sichtbarkeit der BFH in diesem Thema stärkt.
 

Lucia Lanfranconi: Wir arbeiten wirklich Hand in Hand. Die Fachstelle arbeitet daran, so könnte man sagen, gemeinsam mit anderen Akteur*innen die BFH zu einer Caring Institution weiterzuentwickeln. Und gleichzeitig bin ich in meiner Rolle als Professorin für Diversity, Equity & Inclusion sehr eng mit dem Themenfeld verbunden – in Forschung, Projekten oder Events. Es gibt viele Schnittstellen.

Die Interviewpartnerinnen: Carolin Fischer und Lucia M. Lanfranconi

Carolin Fischer ist Leiterin des strategischen Themenfelds Caring Society an der BFH und Dozentin am Institut soziale und kulturelle Vielfalt. In dieser Funktion zielt sie darauf hin, das Thema einer Caring Society umfassend und unter Einbezug unterschiedlicher Perspektiven zu bearbeiten. Mit Caring Society meint sie eine Gesellschaft, in der das menschliche Wohlergehen aber auch Solidarität, Gerechtigkeit und Beteiligungschancen richtungsweisend für das Handeln sämtlicher Akteur*innen sind. In diesem Sinne drehen sich viele Aktivitäten im Themenfeld um die Frage, auf welche Weise und unter Einbezug welcher Akteur*innen wir eine sorgende Gesellschaft fördern können und worin genau sinnstiftende Beiträge bestehen, die die BFH kompetent leisten kann.

Lucia M. Lanfranconi ist Co-Leiterin Fachstelle Chancengleichheit, Diversität und Inklusion (CDI) an der BFH, Professorin für Diversity, Equity und Inclusion am Departement Wirtschaft und ab dem Herbstsemester Studiengangsleiterin des Masters Soziale Arbeit am Standort Bern. Die Fachstelle hat vor allem den Auftrag CDI an der BFH strategisch und operativ sowie in allen Leistungsaufträgen zu verankern. Die Fachstelle ist dafür mitverantwortlich, dass die genannten Themen nicht nur erforscht, sondern innerhalb der BFH durch Mitarbeitende und Studierende auch gelebt werden. Dazu hat die Fachstelle unter anderem einen Aktionsplan mit diversen Massnahmen erarbeitet.

Wie hat sich aus eurer Perspektive der gesellschaftliche Stellenwert von Care und Care-Arbeit in den letzten 30 Jahren verändert?

Carolin Fischer: Bezahlte wie unbezahlte Care-Arbeit erhalten nach wie vor nicht die Wertschätzung, die sie verdienen, weder finanziell noch symbolisch. Dabei ist Fürsorge und Sorgearbeit ein universelles menschliches Bedürfnis und eine wichtige Form von zwischenmenschlicher Verbindung. Es gäbe so viele Möglichkeiten, Sorge als Grundlage unseres Denkens und Handelns zu verankern, die mehrheitlich nicht ergriffen werden. Aber ich sehe auch viele Initiativen, die eine sorgende Gesellschaft vorantreiben, auch an der BFH. Diese Ansätze müssten stärker vernetzt werden, um noch mehr Sichtbarkeit erzielen und Wirkung entfalten zu können; und um zu zeigen, wie vielseitig Care-Themen sind.
 

Lucia Lanfranconi: Ich sehe durchaus auch Fortschritte, wenn ich an die letzten 30 Jahre denke: In meinem SNF-Projekt, in dem wir die Gleichstellungsfrage in der Sozialhilfe in den letzten 30 Jahren beleuchten, zeigt sich etwa, wie stark sich die Kita-Landschaft verändert hat. Auch gesellschaftlich gab es Fortschritte – Frauen* in Führungspositionen oder Teilzeit bei Vätern sind heute beispielsweise etwas normaler geworden.

Aber der Handlungsbedarf bleibt gross. Das Nationale Barometer Gleichstellung von 2021 – eine repräsentative Befragung in der Schweiz zur Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Care-Arbeit – hat deutlich gezeigt: Die Bevölkerung in der Schweiz wünscht sich eine fairere Aufteilung von Care-Arbeit in Paarhaushalten – der Wunsch kommt von Menschen aller Geschlechter – und mehr strukturelle Unterstützung wie die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit, bezahlbare Kinderbetreuung, mehr Elternzeit, sowie eine bessere gesellschaftliche Anerkennung von bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit.

Die Bevölkerung in der Schweiz wünscht sich eine fairere Aufteilung von Care-Arbeit in Paarhaushalten.

  • Lucia Lanfranconi Co-Leiterin der Fachstelle Chancengleichheit

Welche Entwicklung im Bereich Gleichstellung und Care-Arbeit hat euch in den letzten Jahren überrascht?

Lucia Lanfranconi: Die Corona-Pandemie war sehr einschneidend. Homeoffice bekam Aufwind und Care-Arbeit wurde plötzlich zum öffentlichen Thema, gleichzeitig blieb sie in vielen Familien an den Frauen hängen, wie aktuelle Forschungen zeigen. Leider bewegen wir uns gesellschaftlich eher wieder rückwärts. Umso wichtiger ist es, dass wir auch als BFH unserer Haltung treu bleiben und aktiv einstehen für Chancengleichheit, Vielfalt und Inklusion.
 

Carolin Fischer: Mich hat die grosse Unterstützung für die Pflegeinitiative 2021 ermutigt. Sie brachte eine grosse Wertschätzung für Pflegende zum Ausdruck. Umso ernüchternder ist die schleppende Umsetzung. Sie zeigt, wie weit der Weg noch ist. Was mich sehr freut, ist die wachsende Aufmerksamkeit für Care und eine sorgende Gesellschaft in Wissenschaft, Kunst, Literatur und in aktivistischen Kreisen. Viele dieser Auseinandersetzungen finden im transdisziplinären Dialog statt, zu dem auch Projekte beitragen, die durch das Themenfeld Caring Society ermöglicht werden. Dass Initiativen wie das Themenfeld entstehen können, ist einer dieser Lichtblicke für mich, gerade auch in der aktuellen Zeit.

Lucia Lanfranconi und Carolin Fischer im Gespräch
Lucia M. Lanfranconi, Co-Leiterin der Fachstelle Chancengleichheit, und Carolin Fischer, Leiterin Strategisches Themenfeld Caring Society, unterhalten sich über Fortschritte, blinde Flecken und darüber, wie Hochschulen wie die BFH den Stellenwert von Care-Arbeit prägen können.

Braucht es den feministischen Streiktag heute noch?

Carolin Fischer: Den 14. Juni braucht es an 365 Tagen im Jahr. Spass beiseite: Dieser symbolische Tag rückt Ungleichheiten ins öffentliche Bewusstsein, die unseren Alltag und uns als Gesellschaft prägen. Für mich zeigt der 14. Juni auch, dass wir nicht allein damit sind, diesen Problemen proaktiv und sehr vielstimmig zu begegnen.
 

Lucia Lanfranconi: Ja, es braucht den 14. Juni leider immer noch, auch bezüglich Lohngleichheit. In einer aktuellen Zwischenbilanz zur Umsetzung des Gleichstellungsgesetzes konnten wir aufzeigen, dass Unternehmen die gesetzlichen Vorgaben zur Lohngleichheit nicht immer korrekt umsetzen. Da müssen wir hinschauen. Neben dem feministischen Streiktag braucht es weitere Tage im Jahr, die strukturelle Ungleichheiten und Diskriminierungen jenseits der Geschlechterkategorie sichtbar machen.

Wir müssen Care noch mehr als geteiltes Bedürfnis und als geteilte Verantwortung aller Menschen sehen.

  • Carolin Fischer Leiterin Themenfeld Caring Society

Welche Rolle spielen Hochschulen dabei, eine Caring Society zu fördern? Was macht die BFH konkret?

Carolin Fischer: Hochschulen können eine ganz wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, «Care-Mainstreaming» voranzutreiben. Das Thema Sorge und Sorgeverantwortung lässt sich in allen Disziplinen verankern. Dadurch werden einerseits unterschiedliche Facetten von Care sichtbar gemacht und andererseits tragen Forschung und Lehre dazu bei, fürsorgliche Infrastrukturen, Praktiken und Herangehensweisen zu entwickeln. An der BFH laufen dazu viele, ganz unterschiedliche Projekte unter Beteiligung aller Departemente.
 

Lucia Lanfranconi: Als Hochschule haben wir eine grosse Verantwortung, denn wir prägen die nächste Generation von Expert*innen und Praktiker*innen. Die Fachstelle Chancengleichheit schafft gemeinsam mit anderen Menschen an der BFH Räume für Diskussion, Sensibilisierung und Veränderung, so etwa mit dem Sexual Harassement Awareness Day vom 21. April. Wir wollen Diversity-Themen in- und ausserhalb der BFH sichtbarer machen, zum Beispiel mit Schulungen zu unconscious bias, dem neuen Expert*innenpool, durch unsere Forschung oder durch Veranstaltungen wie dem Film- und Diskussionsabend zum Jubiläum des Schweizerischen Gleichstellungsgesetzes am 1. Juli. Damit können wir verschiedene Perspektiven in die Gesellschaft tragen und diese mitprägen.

Welche gesellschaftlichen Narrative über Care-Arbeit müssten sich aus eurer Perspektive ändern, um eine umfassende Gleichstellung zu ermöglichen?

Carolin Fischer: Ich mache mir Sorgen um die Sorge! Wir müssen Care noch mehr als geteiltes Bedürfnis und als geteilte Verantwortung aller Menschen sehen. Wir alle leisten, aber wir empfangen auch alle Fürsorge in ganz unterschiedlicher Form. Dabei ist Fürsorge längst nicht immer mit Krankheit oder besonderen Bedürfnislagen verbunden, sondern schlichtweg als fundamentaler Teil des Menschseins zu verstehen. Viele Akteur*innen können zu mehr Wertschätzung von Fürsorge – finanziell und symbolisch – beitragen: Von der Schule über die Privatwirtschaft und Interessensverbände bis hin zur Politik.
 

Lucia Lanfranconi: Ich schliesse mich Carolin an: Care betrifft uns alle. Wir alle müssen dazu einen Beitrag leisten: zuhause, in Organisationen und Unternehmen, in der Öffentlichkeit. Ich schaue skeptisch auf die aktuellen Radikalisierungstendenzen in der Gesellschaft. Ich wünsche mir, dass jede*r wieder mehr auf das Gemeinsame fokussiert als auf Einzelinteressen, auf Verbindung statt Polarisierung.


Herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Mehr erfahren