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Der unbekannte Teil der Langzeitversorgung

29.10.2026 Häusliche Langzeitversorgung braucht Pflege, Betreuung und verlässliche Unterstützung im Alltag. Ein grosser Teil dieser Leistungen bleibt jedoch wenig sichtbar und nur teilweise geregelt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein grosser Teil der häuslichen Langzeitversorgung besteht aus Betreuung im Alltag – etwa Begleitung, Haushalt oder organisatorischen Aufgaben.
  • Diese nicht durch die Krankenkasse abgedeckte Arbeit wird von betreuenden Angehörigen, Live-in-Carers und privaten Betreuungsdienstleistern abgedeckt.
  • Es braucht eine gesellschaftliche Debatte darüber, welche Priorität der Betreuung in Zukunft gegeben wird.

Wer bei häuslicher Langzeitversorgung zuerst an die Spitex denkt, sieht nur einen Teil des Bildes. Prof. Dr. Karin van Holten, Forscherin am Institut für kollaborative Gesundheitsversorgung und Leadership, vergleicht das Versorgungssystem mit einem Eisberg: «Die Pflegedienstleistungen der Spitex sind der sichtbare Teil. Darüber wissen wir recht viel Bescheid, haben Statistiken und Regelungen. Unter dem Wasser gibt es aber den ganzen Bereich der Betreuung.»

Zu dieser Betreuung gehört vieles, was Menschen erst ermöglicht, ihren Alltag zu Hause zu bewältigen: einkaufen und kochen, administrative Aufgaben erledigen, Termine organisieren, zur Ärztin begleiten oder schlicht da sein und zuhören. Die Grenzen zur Pflege sind im Alltag fliessend, im Finanzierungssystem aber entscheidend. Pflegerische Leistungen sind weitgehend gesetzlich geregelt und können meist über die Krankenkasse abgerechnet werden. Betreuung hingegen muss vielfach privat organisiert und finanziert werden.

Angehörige tragen einen grossen Teil

Wie wichtig diese Arbeit ist, zeigen aktuelle Zahlen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan: Schätzungsweise 1,4 bis 1,7 Millionen Menschen in der Schweiz betreuen Angehörige. Bei den über 65-Jährigen erhält mehr als jede sechste Person regelmässig solche Unterstützung. Zwischen 23 und 34 Prozent der betreuenden Angehörigen übernehmen zusätzlich auch pflegerische Aufgaben. Betreuung umfasst jedoch deutlich mehr als Pflege: Noch häufiger sind Begleitung und emotionale Unterstützung, Hilfe im Haushalt sowie organisatorische und administrative Aufgaben. Seit einigen Jahren können betreuende Angehörige unter bestimmten Voraussetzungen für pflegerische Leistungen entschädigt werden. Wie gross dieser Bereich inzwischen ist, lässt sich statistisch nur eingeschränkt beziffern. Zudem: Die eigentliche Betreuung im Alltag bleibt in der Regel unbezahlt.

Neben betreuenden Angehörigen leisten auch sogenannte Live-in-Carers einen wichtigen Beitrag zur häuslichen Langzeitversorgung. Viele von ihnen werden über private Betreuungsorganisationen in Haushalte vermittelt. Zusätzlich bestehen weitere private Betreuungsangebote, die teilweise mit dem Live-in-Modell kombiniert werden. Für Teile des privaten Betreuungsmarktes fehlen bis heute verlässliche schweizweite Statistiken. Die Forschung zeigt jedoch, dass die Live-in-Betreuung heute eine wichtige Rolle in der häuslichen Langzeitversorgung insbesondere vieler älterer Menschen spielt.

Projekt FairCare@Home

Im Projekt FairCare@Home untersuchte die BFH zusammen mit einem breit aufgestellten Konsortium, wie Live-in-Betreuung fair, qualitativ hochwertig und langfristig tragfähig gestaltet werden kann. Der Projektbericht fasst die zentralen Erkenntnisse und Empfehlungen zusammen.

Eine gesellschaftliche Frage

Eine einzelne Lösung für diese Herausforderungen gibt es nicht, räumt van Holten ein. Vielmehr brauche es unterschiedliche Ansätze, die sich ergänzen. Ein Beispiel sind Caring Communities: lokale Sorgenetzwerke, in denen Angehörige, Nachbarschaft, Freiwillige und professionelle Angebote gemeinsam bestimmte Unterstützungsbedürfnisse abdecken. Auch die BFH forscht dazu, wie solche Modelle funktionieren und welche Rolle sie künftig in der Versorgung übernehmen können.

Für van Holten reicht es jedoch nicht, einzelne neue Angebote zu schaffen. Nötig sei eine grundsätzlichere gesellschaftliche Debatte darüber, welchen Stellenwert Betreuung in der Schweiz haben soll. Pflege ist Teil der Gesundheitsversorgung und weitgehend öffentlich geregelt. Betreuung wird dagegen nach wie vor stark als private Aufgabe verstanden – getragen von Familien – meist Frauen – oder finanziert aus der eigenen Tasche.

Der unsichtbare Teil der Langzeitversorgung Bild vergrössern
Der unsichtbare Teil der Langzeitversorgung. Während die pflegerischen Leistungen in der Regel gesetzlich geregelt und statistisch erfasst sind, sind die betreuerischen Leistungen weniger sichtbar.

In einer alternden Gesellschaft stellt sich deshalb die Frage, ob diese Aufgabenteilung noch zeitgemäss ist. Wo setzt eine wohlhabende Gesellschaft ihre finanziellen Prioritäten? Welche Leistungen soll die Gesundheits- und Sozialversorgung gewährleisten – und welche bleiben Privatsache? «Wir alle werden im Laufe unseres Lebens von Care-Arbeit abhängig sein – ob wir wollen oder nicht», sagt van Holten Die Frage ist nicht, ob Betreuung künftig gebraucht wird. Die Frage ist, wie sichtbar wir sie machen, wie wir sie als Gesellschaft organisieren und finanzieren wollen.

Ambulante Versorgung

Ambulante Versorgung verändert das Gesundheitswesen. Immer mehr Leistungen werden dort erbracht, wo Patient*innen leben und ihren Alltag verbringen. Das eröffnet Möglichkeiten, stellt Fachpersonen und Institutionen aber auch vor Herausforderungen. In unserer Serie zeigen wir, wie sich die ambulante Versorgung entwickelt und was es braucht, damit sie wirksam, koordiniert und nachhaltig ist. Wir geben zudem Einblick in Modelle, welche die BFH gemeinsam mit Praxispartnerschaften und mit Hilfe des Swiss Center for Care@home (SCC) pilotiert, implementiert und evaluiert.

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