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Nachhaltigkeit: Die Rechnung geht nicht immer für alle auf
24.06.2026 Student*innen der BFH Wirtschaft setzen sich ganz praktisch mit Themen der Nachhaltigkeit auseinander. So zeigen die Arbeiten von Nils Tischer und Aline Maeva Schlachter die Auswirkungen von Nachhaltigkeitsregulatorien auf Produzent*innen von Kakao respektive Kaffeebohnen und die damit verbundenen Chancen und Risiken.
Dieser Beitrag erschien im Präsenz 1/2026.
Das Kundenmagazin der BFH Wirtschaft zeigt Geschichten, die bewegen, Ideen, die wachsen, und Projekte, die nachhaltigen Impact schaffen.
Die Tasse Kaffee zum Frühstuck, ein Stück Schokolade zum Dessert: Für viele Schweizer*innen gehört das zum Alltag. Und immer mehr Menschen hierzulande achten darauf, dass diese Genussmittel nicht nur gut schmecken, sondern auch unter fairen und nachhaltigen Bedingungen produziert wurden. Darauf zielen auch die Bestrebungen der EU ab. Seit Juni 2023 ist die Entwaldungsverordnung (EUDR) in Kraft. Sie wird ab diesem Jahr stufenweise angewendet und soll sicherstellen, dass für den Anbau von Exportgütern wie Kakao und Kaffee nicht immer mehr Wälder abgeholzt werden. Doch was bedeutet diese Regulierung für die betroffenen Bäuerinnen und Bauern im globalen Süden? Dient die angestrebte Nachhaltigkeit auch ihrem Wohl – oder vor allem der Beruhigung unseres Gewissens?
Nachhaltigkeit ist ein komplexer Balanceakt
Mit solchen Fragen haben sich eine Studentin und ein Student der Berner Fachhochschule Wirtschaft intensiv auseinandergesetzt. In seiner Bachelorarbeit untersuchte Nils Tischer die Auswirkungen der EU-Entwaldungsverordnung auf Kakaobäuerinnen und -bauern in Ghana. Aline Maeva Schlachter wiederum analysierte in ihrer Masterarbeit, wie sich entwaldungsfreie Beschaffungsstrategien im globalen Kaffeehandel umsetzen lassen und wo sie an Grenzen stossen. Beide kommen zum Schluss: Nachhaltigkeit entlang globaler Lieferketten ist ein komplexer Balanceakt. «Ich habe unterschätzt, wie schwierig es ist, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Rentabilität gleichzeitig zu erreichen», sagt Nils Tischer.
Kartierung, GPS-Daten und Dokumentationen nötig
Ein zentrales Instrument der Entwaldungsverordnung ist die Pflicht zur Ruckverfolgbarkeit. Kakao etwa darf nur noch dann in die EU importiert werden, wenn nachgewiesen ist, dass er nicht auf kürzlich entwaldeten Flachen angebaut wurde. Dafür müssen Anbauflächen kartiert, GPS-Daten erhoben und umfangreiche Dokumentationen erstellt werden. Für die Produzent*innen hat das ganz konkrete finanzielle Folgen. «Die Einhaltung ist teuer, genauso wie die Nichteinhaltung», fasst Nils Tischer zusammen. Können Bäuerinnen und Bauern die Anforderungen nicht erfüllen, droht nämlich der Ausschluss aus dem EU-Markt.
Es besteht die Gefahr, dass sich Lieferketten aufspalten – in konforme Ware für den EU-Markt und weniger regulierte Ströme für andere Regionen.
Kaum Verhandlungsspielraum für die Produzent*innen
In Ghana verschärft sich diese Problematik durch die Marktstruktur zusätzlich. Der Kakaohandel ist stark staatlich reguliert. Die Produzent*innen dürfen ihre Ernte nur an lizenzierte Aufkäufer*innen verkaufen, die dem staatlichen Ghana Cocoa Board unterstehen. Verhandlungsspielraum über Preise oder Zusatzkosten haben sie kaum. Für viele Kleinbäuerinnen und -bauern ist das existenziell. Ihre ohnehin prekäre wirtschaftliche Lage kann sich weiter verschärfen, mit sozialen Folgen wie Schulabbrüchen oder Kinderarbeit. Gerade diese Effekte sollen mit Nachhaltigkeitsstrategien eigentlich eingedämmt werden.
Fragmentierung der Märkte droht
Ähnliche Spannungsfelder zeigt die Arbeit von Aline Maeva Schlachter im Kaffeesektor. Auch hier wurden zusätzliche Kosten entlang der Lieferkette häufig bis zu den Produzent*innen weitergereicht. Gleichzeitig warnt Aline Maeva Schlachter vor einer Fragmentierung der Märkte: «Es besteht die Gefahr, dass sich Lieferketten aufspalten – in konforme Ware für den EU-Markt und weniger regulierte Ströme für andere Regionen.» Dennoch sieht sie auch Chancen. Die geforderte Rückverfolgbarkeit könne erstmals detaillierte Daten auf Betriebsebene liefern – eine wichtige Grundlage für gezielte Fördermassnahmen und transparentere Handelsbeziehungen.
Wissen teilen und Synergien nutzen
Eine Erkenntnis heben beide hervor: Damit Nachhaltigkeit auch vor Ort Wirkung zeigt, müsse Wissen geteilt werden, statt dass Unternehmen, Händler und Behörden parallel an denselben Problemen arbeiten. «Es ist wichtig, Synergien zu nutzen und bestehende lokale Strukturen einzubeziehen», sagt Nils Tischer. «Man kann nicht für jede Produzentin und jeden Produzenten einzeln neue Anforderungen umsetzen, ohne die Gegebenheiten vor Ort mitzudenken.»
Global Management als wertvolle Vertiefung im Studium
Beide betonen, dass sie durch ihr Studium gut auf ihre Arbeit vorbereitet waren. So hatten sie gelernt, Entscheidungen in komplexen internationalen Kontexten zu hinterfragen – und auszuhalten, dass es selten die eine richtige Lösung gibt. «Die Vertiefung Global Management im Bachelorstudium an der BFH Wirtschaft hat mich sehr gut auf die Arbeit vorbereitet», sagt Nils Tischer. «Wir haben viel über nachhaltige Lieferketten und interkulturelle Zusammenarbeit gelernt und darüber, wie unterschiedlich Nachhaltigkeit je nach Kontext aussehen kann.»
Damit dieses Bewusstsein künftig auch bei denen ankommt, die ihren Kaffee trinken oder in ein Stück Schokolade beissen, bleibt noch viel zu tun. Nicht zuletzt braucht es Berufsfachleute, die diese Komplexität in Entscheidungen einbeziehen. Auch darauf bereitet die BFH Student*innen wie Nils Tischer und Aline Maeva Schlachter vor.