Studie liefert Massnahmen gegen Personalmangel im Gesundheitswesen

09.11.2021 Stress am Arbeitsplatz und schlechte Rahmenbedingungen waren bereits vor SARS-CoV-2 ernstzunehmende Themen im Schweizer Gesundheitswesen. Dies zeigen die neusten Resultate einer nationalen Studie der Berner Fachhochschule. Sie liefert Lösungen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und macht klar: Führungspersonen spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, ein Arbeitsumfeld für Gesundheitsfachpersonen zu schaffen, in dem diese auch verbleiben wollen.

Die aktuelle SARS-CoV-2-Pandemie führt deutlich vor Augen, wie wichtig eine gut funktionierende Gesundheitsversorgung mit genügend Fachpersonen ist. Doch bereits vor SARS-CoV-2 hatte das Gesundheitswesen mit Fachkräftemangel, frühzeitigen Berufsaustritten und schlechten Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz zu kämpfen. Um die Stressquellen, Stressreaktionen und daraus entstehende Langzeitfolgen im Arbeitsalltag von Gesundheitsfachpersonen in der Schweiz zu erfassen, startete die Berner Fachhochschule Gesundheit im Jahr 2017 das nationale Projekt «Work-related Stress among Health Professionals in Switzerland», kurz STRAIN (siehe Kasten). Die Studie erhebt nicht nur empirische Daten, sondern liefert auch Lösungsansätze für die Praxis, um die Missstände langfristig zu reduzieren. 

Erste Resultate zur Arbeitsbelastung im Gesundheitswesen

Die Resultate der Studie zeigen den arbeitsbedingten Stress im Gesundheitswesen auf: Aktuell können 28 % der Hebammen und 21 % der Ärzt*innen im Arbeitsalltag ihre gesetzlich festgelegten Pausenzeiten selten bis nie einhalten. Bei den Ärzt*innen sind 24 % von einem starken bis sehr starken Konflikt zwischen Arbeits- und Privatleben betroffen. 13 % der Pflegenden leiden an einer Beeinträchtigung des Alltags aufgrund von Wirbelsäulenbeschwerden. Und 15 % der Pflegenden denken mehrmals im Monat oder sogar täglich daran, den Beruf frühzeitig zu verlassen. Das STRAIN-Projektteam hat das Auftreten eines Stressors und dessen tatsächliche Auswirkung auf die Gesundheit und Zufriedenheit der Mitarbeitenden untersucht. Die wichtigsten Zusammenhänge stellten die Forschenden bei der Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben, der fehlenden Entwicklungsmöglichkeit und dem Verhalten der direkten Vorgesetzten fest. 

Schulung der Führungskräfte kann Stressoren und Langzeitkonsequenzen reduzieren

Basierend auf diesen Resultaten identifizierte das Projektteam der BFH Gesundheit sieben Handlungsfelder, um ein optimales und gesundes Arbeitsumfeld für Gesundheitsfachpersonen zu schaffen, und entwickelte ein zweitägiges Schulungsprogramm für die Führungspersonen im Gesundheitswesen. Bei diesem zweitägigen Programm tauschten sich die Anwesenden ausserdem in multiprofessionell zusammengesetzten Gruppen zum Thema Stress aus und erarbeiteten eigene Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Wie eine erste Auswertung der Intervention zeigt: Haben mehr als 70 Prozent der Führungspersonen einer Organisation am Schulungsprogramm teilgenommen, hat sich dies ausschliesslich positiv auf Stressoren und Langzeitkonsequenzen ausgewirkt.

Verbesserung der Rahmenbedingungen ist entscheidend

Um Gesundheitsfachpersonen langfristig gesund und zufrieden im Beruf halten zu können, ist eine Verbesserung der Rahmenbedingungen entscheidend. Die Studie zeigt, dass einerseits effektive Massnahmen für eine gute Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben, eine Optimierung der Arbeitslast und Führungsstrukturen zentrale Themen sind. Andererseits sind auch klar definierte Rollen und Verantwortlichkeiten, bessere Entwicklungsmöglichkeiten sowie ein stärkerer Fokus auf eine positive Feedback- und Fehlerkultur wichtig. Führungspersonen spielen bei der Umsetzung dieser Massnahmen im Praxisalltag eine zentrale Rolle. 

Folgeprojekt in den Startlöchern

Das STRAIN-Projekt geht in die nächste Runde und heisst neu STRAIN 2.0. Das Folgeprojekt bietet interessierten Organisationen die Möglichkeit, die Stressoren am Arbeitsplatz sowie daraus resultierende Langzeitfolgen bei allen Gesundheitsberufen jährlich zu erfassen. Ziel ist es, eine regelmässige und schweizweite Datengrundlage zu arbeitsbedingtem Stress und den Rahmenbedingungen in allen Gesundheitsberufen zu schaffen. Dabei werden nicht nur Daten erhoben, sondern auch die evidenzbasierten Empfehlungen weiterentwickelt, um Gesundheitsorganisationen gezielte und nachhaltige Lösungsansätze zur Reduktion der Arbeitsbelastung sowie zur Optimierung der Rahmenbedingungen bieten zu können.
 

STRAIN Studie

Work-related Stress Among Health Professionals in Switzerland (STRAIN)

Die Studie «Work-related Stress among Health Professionals in Switzerland» (STRAIN) der Berner Fachhochschule Gesundheit erfasste über den Zeitraum 2017 bis 2021 die unterschiedlichen Stressquellen und Stressreaktionen sowie daraus entstehende Langzeitfolgen im Arbeitsalltag von Gesundheitsfachpersonen in der Schweiz. 
Das 15-köpfige STRAIN-Projektteam setzt sich interprofessionell aus Mitarbeitenden dreier Hochschulen zusammen; der Berner Fachhochschule BFH, der HES-SO Fachhochschule Westschweiz und der Fachhochschule Südschweiz SUPSI. Die STRAIN-Studie ist aktuell die grösste Interventionsstudie im Schweizer Gesundheitswesen. Sie umfasst über 160 teilnehmende Akutspitälern, Rehabilitationskliniken, Psychiatrien, Alters- und Pflegeheime sowie Spitex Organisationen aus allen Sprachregionen. Ziel der Studie ist es, die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen zu verbessern und Gesundheitsfachpersonen langfristig gesund und zufrieden im Beruf halten zu können.

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Rubrik: Pflege, Gesundheit, Forschung